Prolog
Betty Dunlop hatte keine Angst vor dem Tod. Andererseits hat sie auch keine Angst vor der Luftwaffe, dem Kalten Krieg, der Gefahr eines nuklearen Winters, Salmonellen, Cholesterin oder einem ihrer unterschiedlich grässlichen Ehemänner gehabt.
Lorna Larkham war nicht so entspannt. Je näher sich der Tod an Bettys Bett im St-Agnes-Hospiz heranschlich, desto schneller schlug ihr das Herz in der Brust, und zwar so heftig, dass sie ihre Beine krampfhaft still halten musste, um nicht aufzuspringen und aus dem Zimmer zu rennen.
Die alte Reise-Uhr schien stehen geblieben zu sein. War es möglich, dass es erst sieben war? Lorna war um sechs gekommen, um die Schicht ihres Ehrenamts anzutreten. Die Stationsschwester hatte sie abgefangen, noch bevor sie ihre Jacke ausgezogen hatte, und Lorna darauf vorbereitet, dass Betty – die in der Woche zuvor dreiundneunzig geworden war, ihr Haar aber immer noch mit Lockenwicklern aufdrehte und mit Haarspray in Form brachte – in der Nacht immens abgebaut hatte.
»Uns war sofort klar, dass irgendetwas nicht stimmt, als sie nicht nach ihrem Kakao geklingelt hat.« Beim Anblick von Lornas panischer Miene hatte die Schwester ihr eine Hand auf den Arm gelegt. »Sie weilt noch unter uns. Lassen Sie einfach die Musik laufen und reden Sie weiter, auch wenn sie nicht antwortet. Lassen Sie Betty spüren, dass sie nicht allein ist. Ich bin am anderen Ende der Station, falls Sie mich brauchen.«
Jetzt ließ Lorna unauffällig ihr Strickzeug sinken, um Bettys schwere Augenlider zu betrachten. Stricken war auch Bettys Hobby gewesen; sie hatten darüber gesprochen, als Lorna zum ersten Mal gekommen war, um ihr ein Stündchen Gesellschaft zu leisten. Lorna brachte immer ihren Strickbeutel mit ins Hospiz. Sie hatte festgestellt, dass das rhythmische Klappern die Momente des Schweigens überbrückte, wenn die Patienten in einen Dämmerschlaf fielen. Für viele war das ein vertrauter Klang, eine Kindheitserinnerung an Mütter und Tanten, die stopften und strickten und munter plauderten. Während eine Reihe nach der anderen entstand, schien der Charakter der alten Damen ins Strickmuster einzufließen. Später stiegen dann unvermittelt Erinnerungen auf und ließen angesichts bestimmter Wollreste Junes wissende Augen oder Mabels Seidenblumen lebendig werden. Betty, das war jetzt schon klar, würde nicht mehr vom Perlmuster zu trennen sein: stark strukturiert und von einem grellen Grün, das Lorna mit dem sauberen Geruch von Pears-Seife verband. Sie wollte ihr Strickzeug gerade umdrehen, als eine kaum merkliche Bewegung ihren Blick auf sich zog.
Rudy, Bettys Dackel, hatte sich in seinem Körbchen geregt. Draußen war ein prächtiger weißer Mond hinter einer Wolke hervorgetreten. Unvermittelt fühlte sich der Raum kühler an, als hätte jemand das Fenster geöffnet.
Lornas Herz klopfte ihr bis zum Hals, lebendig, heiß und entschlossen. Die Musik – ein banales klassisches Stück, das eine der Pflegerinnen ausgewählt hatte – war verstummt, aber Betty atmete nicht aus.
Mit jedem Summen der elektrischen Wechseldruckmatratze schnürte sich Lornas Brustkorb stärker zusammen. War das der letzte Atemzug? Oderdieser? Sie blinzelte und hielt nach Indizien Ausscha