: Elizabeth Kostova
: Das dunkle Land Roman
: Wunderraum
: 9783641215422
: 1
: CHF 2.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 736
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Alexandra Boyd, eine junge Amerikanerin, kommt nach Sofia, um in Bulgarien Englisch zu unterrichten. Kurz nach ihrer Ankunft gelangt sie durch Zufall in den Besitz einer Urne mit der Asche eines Verstorbenen. Es beginnt eine abenteuerliche Odyssee, denn Alexandra ist entschlossen, die Asche den Hinterbliebenen zurückzubringen. Die Suche nach ihnen führt Alexandra immer tiefer hinein in das wilde, ihr fremde Land und immer weiter hinab in dessen Geschichte. Nach und nach enthüllt sich auf den Stationen ihrer Reise das Schicksal des Verstorbenen: Stoyan Lazarov, ein begnadeter Musiker, dessen Leben von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts und von einer großen Liebe bestimmt waren.

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Elizabeth Kostova, geboren 1964 in Connecticut, ist die Autorin der internationalen Bestseller »Der Historiker« und »Schwanendiebe«. Sie verbrachte bereits in ihrer Jugend viel Zeit in Europa und lernte später bei einem Bulgarienaufenthalt ihren künftigen Mann kennen. Sie ist Mitbegründerin der Elizabeth Kostova Foundation für kreatives Schreiben in Bulgarien und gehört dem Hochschulrat der American University of Bulgaria an.

Eins

Sofia, das Jahr: 2008. Der Monat: Mai. Es herrschte strahlendes Frühlingswetter, und die Göttin Kapitalismus saß auf ihrem bröckelnden Thron. Auf der obersten Stufe der Vortreppe des Hotel Forest stand eine junge Frau, eigentlich eher Mädchen als Frau, Fremde und Fremdkörper zugleich. Vom Hotel blickte man auf dasNDK, den Kulturpalast des früheren kommunistischen Regimes, einen gigantischen Betonklotz, der jetzt von Teenagern umlagert wurde; ihre gegelten Spikes glitzerten in der Sonne, die auf den belebten Platz herabschien. Alexandra Boyd, erschöpft von einem schier endlosen Flug, sah den bulgarischen Kids auf ihren Skateboards zu und versuchte, sich das lange glatte Haar hinter das Ohr zu streichen. Zu ihrer Rechten erhoben sich graue und ockerfarbene Mietskasernen neben moderneren Gebäuden aus Glas und Stahl sowie eine Plakatwand mit dem Bild einer Bikinischönheit, deren Brüste sich nach einer Flasche Wodka reckten. Unweit der Reklametafel blühten imposante Bäume in Weiß und Magenta – Rosskastanien, die Alexandra von einem Studientrip nach Frankreich kannte, ihrer einzigen anderen Europareise. Sie hatte trockene Augen, und der Schweiß auf ihrer Kopfhaut juckte. Sie musste dringend essen, duschen, schlafen – ja, schlafen, nach dem letzten Flug von Amsterdam, bei dem sie alle paar Minuten aus ihrem Dämmer gerissen worden war, zurück in ihr selbst gewähltes Exil in den Wolken. Sie sah auf ihre Füße, um sich zu vergewissern, dass sie noch da waren. Bis auf ein Paar hellrote Sneakers war sie schlicht gekleidet – dünne Bluse, Jeans, eine um die Hüften geknotete Strickjacke –, sodass sie sich neben den maßgeschneiderten Röcken und High Heels, die an ihr vorüberstöckelten, geradezu schäbig vorkam. An ihrem linken Handgelenk trug sie ein breites schwarzes Armband, dazu passend lange Obsidianohrringe. Sie umklammerte die Griffe eines Rollkoffers und einer dunklen Satchel-Bag, in der sich ein Reiseführer, ein Wörterbuch und Kleider zum Wechseln befanden. An ihrer Schulter baumelten ihr Laptop und die bunte Umhängetasche, in der ihr Notizbuch und ein Gedichtband von Emily Dickinson steckten.

Vom Flugzeug aus hatte Alexandra eine von Bergen umringte Stadt gesehen, flankiert von Wohntürmen, die wie Grabsteine in die Höhe ragten. Als sie mit ihrer neuen Kamera in der Hand aus der Maschine gestiegen war, hatte sie ungewohnte Luft geatmet – Kohle und Diesel, dann ein Windstoß, der nach frisch gepflügter Erde roch. Sie war mit dem Flughafenbus zum Ankunftsterminal gefahren und hatte die nagelneuen Zollkabinen bestaunt, die schweigsamen Beamten, den exotischen Stempel in ihrem Pass. Ihr Taxi war eine Zeit lang durch die Außenbezirke Sofias gekurvt, ehe es ins Herz der Hauptstadt vorgestoßen war – ein unnötiger Umweg, wie sie jetzt vermutete –, vorbei an Straßencafés und Laternenmasten, an denen entweder Werbung für Sexshops oder Wahlplakate hingen. Durch das Taxifenster hatte sie uralte Opels und Fords fotografiert, neue Audis mit getönten Scheiben wie im Gangsterfilm, große, sich träge dahinschleppende Busse und Straßenbahnen wie scheppernde Megalosaurier, deren Räder grelle Funken schlugen. Mit Verwunderung hatte sie festgestellt, dass die Stadtmitte gelb gepflastert war.

Doch der Fahrer hatte sie offenbar irgendwie missverstanden und sie hier abgesetzt, am Hotel Forest, nicht an dem Hostel, wo sie schon vor Wochen ein Zimmer gebucht hatte. Das allerdings hatte Alexandra erst bemerkt, nachdem er davongefahren und sie die Vortreppe hinaufgestiegen war, um sich das Hotel aus der Nähe anzusehen. Jetzt war sie allein, so allein wie noch nie in ihren sechsundzwanzig Leb