Kapitel 1 – Melina / New World City
Flucht
Melina klopfte das Herz bis zum Hals. Heißkalte Schauder krochen über ihren Rücken, der Magen drehte sich ihr um und der kahle Korridor schien vor ihren Augen zu verschwimmen.
»Bitte, bitte nicht«, wisperte sie mit zittriger Stimme.
Sie waren zurück! Bald würde auch sie sterben.
Mel hatte gerade zu Bett gehen wollen, als einer der Bewegungsmelder, die sie bei allen Eingängen angebracht hatte, stillen Alarm schlug. Das erkannte sie, wenn die Lichter auf ihrer Etage für kurze Zeit zum Blinken anfingen.
Nun eilte sie in den Überwachungsraum der ehemaligen Forschungsabteilung und starrte auf die Monitore. Sie zeigten eine zehnköpfige, bewaffnete Kriegertruppe in Einsatz-Overalls, die das Treppenhaus heraufkam. »Verflucht!«
Mel hatte sich im Überwachungsraum häuslich eingerichtet, um keine unschönen Überraschungen zu erleben, und befand sich nur noch selten in ihrer kleinen Wohneinheit in der siebten Etage. Aber nun nahm sie die Beine in die Hand und hastete die Treppen eines anderen Aufgangs hinauf, um auf dem Dach Schutz zu suchen. Dorthin würden die Krieger vielleicht nicht kommen. Wahrscheinlich durchkämmten sie die einzelnen Stockwerke nach Nahrung oder anderen nutzbaren Gütern. In diesem Hochhaus gab es genug Vorräte für ein Jahr, zumindest für eine Person. Mel hätte lange ausharren können.
Seit zwei Wochen versteckte sie sich in dem ehemals geheimen Forschungskomplex, seit Warrior das Regime gestürzt und fast alle Regierungsmitglieder umgebracht hatten. Mel konnte nirgendwo hin, denn das zehnstöckige Gebäude stand auf einer künstlich erschaffenen Insel inmitten eines kleinen Sees in New World City. Sie musste über das Wasser, um das Eiland zu verlassen, aber dann würde sie sofort Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und wo sollte sie auch hin? Unter der Kuppel war sie gefangen; alle Ausgänge waren verriegelt. Leute von außerhalb sollten dafür verantwortlich sein. Wahrscheinlich waren es dieselben, die dieses Video eingespielt hatten, das Menschen in Freiheit zeigte und eine Welt, in der Leben wieder möglich war, ohne Angst vor Verstrahlung haben zu müssen. Mel war in vieles eingeweiht, aber das hatte sie nicht gewusst.
Falls sie einen Weg hinaus gefunden hätte, würde sie vom Dschungel und dem Ozean eingeschlossen werden. Das endlose Meer umgab die Insel, auf der ihre Stadt stand. Mel hatte ohnehin keine Ahnung, wie sie da draußen überleben sollte, das hatte ihr niemand beigebracht.
Als die Bürger von der größten aller Lügen erfahren hatten – dass unter freiem Himmel keine Gefahr einer Verstrahlung mehr drohte und sie nur unter der Kuppel gefangen gehalten wurden, weil man sie dann besser kontrollieren konnte –, waren sie gemeinsam mit den Kriegern auf die Straße gegangen. Warrior waren genauso für dumm verkauft worden wie Leute aus dem gemeinen Volk. Der Senat hatte Krieger auf Plantagen arbeiten oder die Einwohner bespaßen lassen.
Am Anfang der Revolte hatte es noch ab und zu Nachrichten gegeben, jetzt schien in der Stadt nur Chaos zu herrschen. Es wurden lediglich grausame Hinrichtungen übertragen oder Reden von einem selbsternannten Warrior-Anführer, der sich Sabre nannte. Das war ein grobschlächtiger Hüne im Lendenschurz mit langen braunen, mit Perlen durchzogenen Haaren. In der Hand hielt er meistens ein großes Schwert, das er letzten Monat noch in der Arena geschwungen hatte, um Verbrechern den Kopf abzuschlagen. Er gab eine angsteinflößende Erscheinung ab und hielt nun ebenfalls alle Ausgänge verschlossen, angeblich, um die Menschen hier drinnen zu schützen, weil fremde Rebellen New World einnehmen wollten.
Mel wusste nicht, was sie noch glauben sollte, wer die Guten und wer die Bösen waren.
Sie rannte die letzten Stufen nach oben und stieß