Kapitel 2 – Der Lord
»Wohin entführen Sie mich diesmal?«, fragt Marc, als ich zwei Tage später sein Behandlungszimmer betrete und mich halb auf die Couch werfe.
»Achtzehntes Jahrhundert.« Ich komme gerade von der Arbeit und bin völlig geschafft. Nachtschicht, wie ich sie hasse. Doch in einem Restaurant an der Autobahn zu arbeiten, fordert einer Kellnerin eben einiges ab. Ich habe mich im Hinterzimmer nur kurz frisch gemacht, mein Höschen ausgezogen und mir Wasser auf die Muschi gespritzt. Ich trage nämlich immer noch meine Arbeitskleidung: einen knielangen schwarzen Rock, Nylonstrümpfe und eine weiße Bluse. Fast passend für die heutige Fantasie.
Da meine Beine schmerzen, kicke ich die hochhackigen Schuhe von den Füßen und atme erleichtert auf.
Marc nimmt das alles ohne mit der Wimper zu zucken hin. Er hat es sich wie immer in seinem Sessel bequem gemacht und trägt schicke Klamotten, die ihn noch männlicher aussehen lassen. Diesmal hat er sich für eine schwarze Jeans und ein weißes T-Shirt entschieden. Ich glaube, er hat eine Vorliebe für Schwarzweiß.
»Und was treiben Sie in diesem Jahrhundert, Bailey?«
»Treiben trifft es auf den Kopf.« Lasziv räkele ich mich auf der Couch und gähne. Ein heißes Sprudelbad wäre jetzt eine feine Sache. Leider erwartet mich zu Hause nur eine alte Badewanne in einer noch älteren Mietwohnung. Wenn ich heißes Wasser haben will, muss ich erst mal den Boiler anschmeißen. »Ich bin die Bedienstete eines Adligen. Eines Lords.«
»Welche Rolle spielen Sie genau?«
Ich zucke mit den Schultern. »Küchen- oder Wäschemagd … Keine Ahnung. Hauptsache, ich stehe vom Rang weit unter dem Lord und bin von ihm abhängig. Deshalb muss ich alles tun, was er von mir verlangt, um meine Anstellung nicht zu verlieren. Sonst würde ich auf der Straße landen. Die Zeiten waren hart damals.« Ich nehme all meinen Mut zusammen und frage Marc: »Sind Sie eigentlich vergeben?«
Seine Augen werden groß und sein Mund klappt auf, als würde er mir antworten wollen, aber dann ignoriert er meine Frage einfach. »Woher wollen Sie wissen, wie die Zeiten damals waren?«
Verdammt … Na ja, irgendwann bekomme ich dich dran, Marc Turner!
Also schwul ist er gewiss nicht, so wie er auf mich reagiert. Wahrscheinlich hat er eine Freundin. Oder Frau. So ein toller Mann bleibt nicht lange allein.
Ich seufze innerlich und erfreue mich einfach an dem, was ich mit ihm habe. Es verlässt niemals diesen Raum. Das bleibt unser Geheimnis.
»Ich lese sehr viele Liebesromane.« Ich verschlinge sie geradezu. »Und die Adelsgeschichten haben es mir besonders angetan. Ich liebe das alte England, diesen ganzen Jane-Austen-Flair. Ich wünschte, ich hätte in dieser Zeit gelebt.«
»Dann hätten Sie aber nicht lange Spaß am Sex gehabt. Denken Sie an die zahlreichen sexuell übertragbaren Krankheiten oder ungeplanten Schwangerschaften.«
»Verhütung findet in meinen Träumen keinerlei Beachtung.« Schließlich kann mir in meiner Fantasie nichts passieren.
Er lächelt verschmitzt. »Das denke ich mir.«
»Warum? Halten Sie mich für naiv? Im wahren Leben bin ich niemals so töricht. Meine Handtasche ist voller Kondome. Gucken Sie nach, wenn Sie wollen.« Deshalb hätte ich am liebsten einen Mann, dem ich vertrauen kann, und keinen wildfremden Kerl, der mir noch die Syphilis anhängt oder Schlimmeres …
»Ich glaube Ihnen, Bailey«, sagt er rau.
Trotzig verschränke ich die Arme vor der Brust. »Dann halten Sie mich nicht für dumm?«
»Ich halte Sie für eine intelligente Frau.«
Frustriert seufze ich auf. »Ja, so intelligent, dass ich das Studium abgebrochen habe und nun als Kellnerin jobbe.«
»Was haben Sie studiert?«
»Sie werden lachen, wenn ich es Ihnen sage.«
»Ich würde Sie niemals auslachen, Bailey.« Er schaut mich dermaßen ernst an, dass ich ihm sofort glaube.
»Psychologie«, antworte ich leise und spüre, wie sich mein Gesicht erhitzt.
Er lächelt nicht, sondern sieht mich weiterhin interessiert an. »Woran sind Sie gescheitert?«
»Stochastik.«
Nun zucken seine Mundwinkel doch. »Sie können Ihre Träume immer noch wahr werden lassen.«
»Aber nur, wenn ich im Lotto gewinne oder mir einen Millionär angle. Was beides sehr unwahrscheinlich ist.«
»Oder wenn ich Ihnen Nachhilfe gebe. In Stochastik war ich spitze.«
Was hat er gesagt? Habe ich mich auch nicht verhört?
Mein Herz setzt einen Schlag aus. »Das würden Sie für mich tun?« Plötzlich möchte ich nichts lieber, als wieder die Schulbank zu drücken, doch wie soll ich dann meinen Lebensunterhalt finanzieren?
Noch bevor er antworten kann, sage ich: »Ach, v