Kapitel 1 – Shannon – Auf Feindesland
Sich als Wolfswandlerin in Brooklyn aufzuhalten – vor allem um Mitternacht –, kam beinahe einem Todesurteil gleich. Das hier war Vampirgebiet. Das Territorium ihrer Erzfeinde! Aber Shannon hatte keine Wahl, sie musste ins Revival.
Vor Nervosität und … ja … Angst, wie sie sich zähneknirschend eingestand, schlug ihr das Herz bis zum Hals. Sollte auch nur ein Blutsauger ihre wahre Natur erkennen, wäre sie so gut wie erledigt. Doch sie war nicht etwa verrückt oder lebensmüde, weil sie sich in diese für sie verbotene Zone wagte, sondern befand sich auf einer Mission.
Auf dem Gehweg kamen ihr lachende Pärchen – darunter auch einige Wesen, wie sie riechen konnte – oder betrunkene Menschen entgegen, deren Atem in der kalten Luft kristallisierte. Schnee, der wie Puderzucker Wege, Autos, Häuser und Sträucher bedeckte, dämpfte alle Geräusche und knirschte unter Shannons Stiefeln.
Samstags herrschte um diese Zeit noch reges Treiben auf den Straßen. Menschen und andere Geschöpfe frönten dem Nachtleben, auch oder vor allem im Dezember. New York schien niemals zu schlafen. An jeder Ecke gab es Weihnachtsstände oder Wintermärkte, auf denen Apfelpunsch ausgeschenkt wurde, Eisbahnen luden zum Schlittschuhlaufen ein, und die Stadt war festlich geschmückt.
Mehr Menschen auf den nächtlichen Straßen bedeuteten für die Vampire: mehr potentielle Nahrung.
Shannon vergrub die Hände tief in den Taschen ihres Mantels und umklammerte den Griff ihrer Pistole. Die kleine Schusswaffe begleitete sie ständig auf ihren Einsätzen. Normalerweise trug sie die Glock an einem Holster am Körper oder am Gürtel ihrer Hose. Doch in dieser Gegend wollte sie die Waffe sofort zur Hand haben. Zwar würde sie einen Vampir damit nicht töten, ihn aber immerhin verletzen oder verlangsamen und somit Zeit gewinnen können. Wirklich zuverlässige Arten, einem Vampir endgültig den Garaus zu machen, gab es nur zwei: wenn sie in der Sonne geröstet wurden oder jemand ihnen den Kopf abtrennte. Das Blut von Wandlerkindern oder sehr alten Wölfen war nicht immer giftig für diese Zecken. Das von Shannon wahrscheinlich schon, schließlich stand sie in der Blüte ihres Lebens. Bereits ein Tropfen ihres Blutes könnte einen Vampir in Flammen aufgehen lassen.
Shannon verließ die Hauptstraße und bog zwischen zwei eng beieinander stehenden Hochhäusern ab. Leider musste sie diesen düsteren Weg durch die schmale Gasse nehmen, die sie hinter die großen Gebäude führen und somit ihrem Ziel, dem Vampirklub, näherbringen würde. Pärchen lehnten trotz Kälte an den Wänden und küssten sich. Wahrscheinlich waren sie auf dem Weg ins Revival oder kamen bereits von dort.
Auf den ersten Blick war nicht immer zu erkennen, bei welchen der Personen es sich um einen Vampir handelte. Auch unter ihnen gab es solche, die atmeten und deren Herzen schlugen. Shannon hatte erst Sicherheit, wenn sie nah genug herankam, um einen zu riechen. Und sie roch hier eine Menge Blutsauger.
Sie unterdrückte den unbändigen Wunsch, sich zu verwandeln und wegzulaufen, stattdessen marschierte sie mit erhobenem Kopf weiter, wobei sie den Schal fester vor Mund und Nase zog. Befände sie sich jetzt in ihrer Wolfsgestalt, würden sich alarmiert ihre Nackenhaare aufstellen. Alle paar Meter witterte sie Vampire und den metallischen Duft, den sie verströmten – eine Mischung aus Eisen und Kupfer –, weil sie mehrmals im Monat Blut zu sich nehmen mussten. Menschenblut.
Das leise klackende Geräusch ihrer Stiefelabsätze hallte von den Wänden der düsteren Gasse, die direkt auf das Revival zuführte, und ein paar Gesichter wandten sich ihr zu. Shannon vermied es konsequent, jemandem in die Augen zu sehen. Sie durfte bloß nicht auffallen!
Vor dem Hintereingang eines Backsteinbaus hatte sich vor einer schwarzen – wahrscheinlich schalldichten – Tür eine Menschenschlange gebildet. Zum Glück war sie nicht sehr lang und Shannon reihte sich ein, wobei sie versuchte, den Türsteher einzuschätzen. Der bestimmt zwei Meter große und schrankbreite Kerl trug einen teuren Maßanzug, glänzende Schuhe und … eine Sonnenbrille. Deshalb konnte sie seine Augen nicht sehen, trotzdem fühlte sie seine prüfenden Blicke, die er jedem Besucher schenkte und diese … abtastete. Fuck!
Der Griff um ihre Waffe zog sich zu. Sie musste sich etwas einfallen lassen!
Schnell ließ sie die Glock los und knöpfte ihren Mantel auf, sodass die kniehohen Stiefel, ihre langen Beine und der extrakurze knallrote Minirock sichtbar wurden,