Kapitel 1
Derek schob einen Finger unter das eng anliegende Leder, um sich an der Nase zu kratzen. Wie er diese Maske hasste! Er schwitzte darunter wie eine Küchenmagd vor dem Herd. Hier musste er die Gesichtsbedeckung jedoch tragen. Das war Vorschrift. Nicht, dass er wild darauf wäre, erkannt zu werden. Diese Anonymität kam ihm gerade recht.
Seufzend lehnte er sich im Sessel zurück, streckte die Beine aus und gähnte herzhaft. Wie jede Nacht in den letzten vier Wochen befand er sich auch heute im Sherman House. Das war ein nobles Etablissement, in dem sich Männer mit Männern trafen, um sich körperlichen Gelüsten hinzugeben. Nur Eingeweihte kannten diesen Treffpunkt; offiziell war das Sherman House als exklusiver Herrenclub bekannt. Sodomie wurde hart bestraft. Derek tat also gut daran, sein schmutziges Geheimnis zu wahren. Aber er war ja nicht zu seinem Vergnügen hier. Derek suchte einen Mörder.
Er seufzte erneut, nippte an seinem Wein und murmelte: »Langweilig.« Gereizt fuhr er sich durch sein braunes Haar. Selbst auf seiner Kopfhaut schwitzte er. Hier drin war es viel zu warm und stickig. Außerdem zerrte die Musik an seinen Nerven.
Derek warf einen flüchtigen Blick auf den Klavierspieler, einen Burschen von etwa achtzehn Jahren. In welcher Schenke hatte Oliver den aufgetrieben? Der Mann spielte furchtbar. Vielleicht erkannte er lediglich seine Noten nicht. Bloß drei Leuchter erhellten den großen Salon und sorgten für schummriges Licht.
Derek saß in einer Ecke des Raumes, von wo aus er einen wunderbaren Überblick hatte und die beiden Türen im Auge behalten konnte. Er bekam genau mit, wer kam und wer ging. Außerdem brauchte er nur seine Hand zum Buffet auszustrecken, damit er sich am Essen bedienen konnte.
Er stellte sein Glas ab, griff nach einem Bündel Weintrauben, pflückte eine süße Beere nach der anderen ab und ließ sie genüsslich im Mund verschwinden. Wenigstens das Essen war vorzüglich. Sein Freund Oliver Clearwater, der das Sherman House unterhielt, scheute keine Mühen. Allerdings ließ er sich jeglichen Service eine Menge kosten, weshalb hauptsächlich vermögende Kaufleute oder Adlige hier anzutreffen waren.
Ein Herr schlenderte an Derek vorbei, ein richtiger Geck in einem weinroten Frack, und streifte dabei sein Knie. Eine stumme Aufforderung, mit ihm nach oben zu gehen.
Derek schüttelte den Kopf, ohne ihn weiter zu beachten.
Eine Zeit lang beobachtete er einen dicken Alten, dem in Strömen der Schweiß unter der Maske hervorlief, nur weil ein junger Gespiele auf seinem Schoß saß und die Hände unter seine Weste geschoben hatte. Alle Anwesenden im Salon waren bekleidet. Hier sollte es relativ sittsam zugehen. Wer mehr wollte, musste die privaten Räume aufsuchen oder eine jener »Lusthöhlen«, wo man sich mit mehreren Partnern vergnügen konnte. Im Keller des Gebäudes gab es außerdem richtige Verliese, in denen die wirklich harten Akte stattfanden.
Derek wusste, wer der korpulente Mann war: Sir William Shaklesbridge. Der viel jüngere Bursche auf seinem Schoß war sein Kammerdiener. Die beiden kamen immer zusammen her, wahrscheinlich, damit Shaklesbridges Frau nichts von ihrer Liaison mitbekam.
Derek hatte in den vergangenen Wochen alle regelmäßigen Besucher bis zu ihren Wohnsitzen verfolgt, um ihre Identitäten zu enthüllen. Bisher hatte ihn allerdings noch keine Spur zum Mörder geführt, der seine Opfer hinterrücks erstach, immer, wenn sie nach ihren »Vergnügungen« auf dem Weg nach Hause waren. Alle drei ermordeten Adligen waren Kunden des Sherman House’ gewesen. Das hatte Derek sehr schnell herausgefunden.
Chief Inspektor Brown von Scotland Yard hatte Derek gebeten, den Fall zu übernehmen, weil er die Straßen Londons wie seine Westentasche kannte, Kontakt zum »Untergrund« hatte und dank seiner Vergangenheit allerlei Vorteile aufwies. Derek war nicht stolz auf das, was er früher getan hatte, dennoch freute es ihn, helfen zu können. Er liebte die Polizeiarbeit.
Oliver war direkt erleichtert gewesen, da