»Miss Patricia Salesbury, du bist ein Wildfang! Du bist schon als solcher auf die Welt gekommen und wirst wohl noch mit sechzig ein unbezähmbares Wesen sein!«, hörte sie die Worte ihres Kindermädchens im Kopf nachhallen. Auch jetzt, mit ihren zweiundzwanzig Jahren, mochte sie sich nicht in die langweilige und versnobte Gesellschaft Englands einfügen, sondern tat stets das, wonach ihr der Kopf stand. Deswegen hatten ihre Eltern beschlossen, sie mit dem alten und schwerreichen Lord Fitzwilliam zu verheiraten, weil sie bereits als unvermittelbare Jungfer galt.
»Unter seinem Regime werden dir die Flausen und deine Leichtlebigkeit schon vergehen«, hatte ihr Vater gesagt. Doch Patricia besaß ihren eigenen Dickschädel. Niemals würde sie die Frau eines uralten, langweiligen Mannes werden. Sie wollte endlich etwas Aufregendes erleben, die Welt kennenlernen, sich auf ein Abenteuer einlassen. Und wenn sie ihren Wissensdurst gestillt hatte, wollte sie Kinder bekommen. Die würde ihr so ein Tattergreis niemals schenken können.
Deshalb hatte sie heute Nacht spontan ihrem Elternhaus den Rücken gekehrt, um sich im Schutze des Nebels zum nahe gelegenen Hafen von Brixham zu schleichen. Sie wusste, dass sich in aller Frühe Captain Gardeners Schiff auf die mehrwöchige Reise nach Boston machte. In Amerika würde sie endlich frei sein, das Leben nach ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen gestalten, als ungebundene Frau ohne Konventionen. Eine entfernte Verwandte ihrer Mutter lebte dort, vielleicht könnte sie bei ihr unterkommen.
Niemand schenkte ihr besondere Aufmerksamkeit, als sie in den Kleidungsstücken ihres älteren Bruders durch die dunklen Gassen zum Hafen ging. Ein Gürtel hinderte die viel zu große Hose daran, ihr bis auf die Knöchel hinunterzurutschen, und ihre widerspenstige schwarze Mähne hatte sie unter einen Filzhut gestopft. Das weite Leinenhemd kaschierte perfekt ihre weiblichen Formen, und mit dem geschulterten Jutesack sah sie wie ein junger Matrose auf Landgang aus. Sie hatte sich den besten Mantel ihres Bruders übergeworfen, da im März die Nächte eiskalt waren. Er würde ihn sicher vermissen, doch er konnte sich einen neuen kaufen. Aber Patricia wollte unbedingt etwas von ihm mitnehmen, weil sie ihn über alles liebte. Leider hatte auch er ihr nicht helfen wollen, der Ehe zu entfliehen. Als zukünftiger Erbe des Salesbury-Imperiums war ihr Bruder genauso darauf bedacht, sie anständig zu verheiraten, bevor sie mit ihrer unbefangenen Art einen Skandal heraufbeschwor. Er war zwar von der Wahl ebenfalls nicht begeistert gewesen, aber noch war Vater das Oberhaupt und hatte das Sagen.
Voller Übermut und Vorfreude pfiff sie eine flotte, undamenhafte Melodie, woraufhin ihr sogar die Mädchen zuzwinkerten, die vor den Spelunken bibbernd auf Männerfang waren.
Nie hatte sich Patricia besser gefühlt als in dieser Nacht, obwohl sie sich eigentlich fürchten sollte. Der Nebel kroch aus allen Löchern, befeuchtete ihr Gesicht und dämpfte die Geräusche der Umgebung. Zudem hörte es sich an, als würde sie verfolgt werden, doch es waren nur ihre eigenen Schritte, die von den Wänden der schmalen Gassen hallten. Sie wollte sich auf Captain Gardeners Schiff schleichen und so lange an Bord verstecken, bis sie weit genug auf See waren, damit er nicht auf die Idee kam kehrt zu machen, um sie wieder zu Hause abzusetzen. Dann würde sie ihm ihre Situation erklären. Er würde sie verstehen, sie beschützen … Ach, er war ihr Held!
Patricia hatte Captain James Gardener auf einen der unzähligen Bälle kennengelernt, die sie gezwungenermaßen ständig besuchen musste, um nach Ehekandidaten Ausschau zu halten. Zwar hatte sie zahlreiche Angebote von wirklich gut aussehenden Männern erhalten und sie hatt