: Michael Lüders
: Die den Sturm ernten Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte
: Verlag C.H.Beck
: 9783406720932
: 5
: CHF 9.90
:
: Politik
: German
: 177
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF/ePUB
Wo liegen die Wurzeln der syrischen Katastrophe? Das gängige Bild sieht die Schuld einseitig bei Assad und seinen Verbündeten, insbesondere Russland. Dass auch der Westen einen erheblichen Anteil an Mitschuld trägt, ist kaum zu hören oder zu lesen. Michael Lüders erzählt den fehlenden Teil der Geschichte, der alles in einem anderen Licht erscheinen lässt. Anhand von freigegebenen Geheimdienstdokumenten und geleakten Emails von Entscheidungsträgern zeigt er, wie und warum die USA und ihre Verbündeten seit Beginn der Revolte ausgerechnet Dschihadisten mit Waffen beliefern - in einem Umfang wie seit dem Ende des Vietnamkrieges nicht mehr. Dadurch haben sie die innersyrische Gewalt ebenso befeuert wie auch den Stellvertreterkrieg zwischen den USA und Russland. Eindringlich beschreibt Lüders, wie insbesondere Washington schon seit langem nur auf eine günstige Gelegenheit wartete, das Assad-Regime zu stürzen. Dabei behandelt er auch frühere amerikanische Putschversuche in Syrien in den 1940er und 1950er Jahren, die fehlschlugen und erklären, warum sich Damaskus der Sowjetunion zuwandte. Die Kehrseite dieser Politik des Regimewechsels erlebt gegenwärtig vor allem Europa: mit der Flüchtlingskrise und einer erhöhten Terrorgefahr durch radikale Islamisten.

Michael Lüders war lange Jahre Nahost-Korrespondent der Hamburger Wochenzeitung"DIE ZEIT" und kennt alle Länder der Region aus eigener Anschauung. Als Islamexperte ist er häufiger Gast in Hörfunk und Fernsehen.

Die CIA lernt laufen in der Wüste: Die Putschversuche (nicht allein) in Syrien seit1949


Die erstenUS-Amerikaner, die sich für den Nahen Osten interessierten, waren protestantische Missionare. Seit dem frühen19. Jahrhundert reisten sie von Neuengland aus ins «Heilige Land», um dort «Mohammedaner» zum Christentum zu bekehren. Mit wenig bis gar keinem Erfolg, doch betrieben diese Evangelisten zahlreiche Schulen und Bildungseinrichtungen. So auch das «Syrische Protestanten-Kolleg» in Beirut. Sein Begründer war1866 Daniel Bliss, ein archetypischer Fürchtegott mit Rauschebart und schwarzem Anzug als zweiter Haut, fast eine Romangestalt. Aus diesem Kolleg wurde später die «Amerikanische Universität Beirut», deren Haupteingang an der Bliss-Straße im trendigen Viertel Ras Beirut liegt. Ihr Ableger ist die «Amerikanische Universität Kairo», die beide bis heute führende Bildungsstätten sind. Unter den Arabern waren diese Amerikaner meist gut gelitten. Anders als Briten und Franzosen verfolgten sie keine kolonialen Interessen. Im Gegensatz zu den Kolonialbeamten entwickelten einige Missionare Respekt und Sympathie für arabische und islamische Kulturen. Bliss führte sogar Arabisch als Unterrichtssprache ein, mithin die Sprache der Kameltreiber, was Franzosen und Briten mit Kopfschütteln quittiert haben dürften.

Ironischerweise wurden beide Universitäten zu Geburtsstätten und, in den1950er und1960er Jahren, zu Hochburgen des arabischen Nationalismus, eines entschiedenen Widersachers amerikanischer Hegemonie. Bis nach dem Ende des Ersten Weltkrieges waren dieUSA für die meisten Araber ein Hort der Verheißung geblieben. Woodrow Wilsons14-Punkte-Programm, in dem derUS-Präsident1918 eine neue internationale Friedensordnung umriss, stieß auf große Zustimmung. Sie verstanden es als Versprechen arabischer Selbstbestimmung, das Wilson aber nicht gegeben hatte. Wohl hatte er sich gegen das Osmanische Reich ausgesprochen, aber keineswegs gegen die europäischen Kolonialmächte. Ernüchterung war die Folge. Wirtschaftlich und politisch wurde der Nahe Osten für dieUSA erst relevant, als dort, nach1915, die ersten großen Erdölvorkommen außerhalb Irans entdeckt wurden, vor allem in den heutigen Golfstaaten und im Irak. Geheimdienstlich betätigten sich die Amerikaner im arabischen Raum erstmals im Zweiten Weltkrieg.

Die ersten Spione dort hatten entweder biographische Wurzeln in der Region, fühlten sich vom Orient angezogen oder suchten das Abenteuer. Als ihr maßgeblicher Pionier wird William A. Eddy (18961962) angesehen, Sohn einer presbyterianischen Missionarsfamilie, der im Libanon aufgewachsen war und fließend Arabisch sprach. Er hatte in den1930er Jahren wesentlichen Anteil an den Verhandlungen amerikanischer Ölfirmen mit dem saudischen Königshaus, die das bis heute gültige «Geschäftsmodell» begründeten:US-Gesellschaften erhalten exklusive Verträge, im Gegenzug garantieren dieUSA die Sicherheit Saudi-Arabiens. Im Februar1945 diente Eddy beim Treffen zwischen Präsident Roosevelt und dem saudischen König Abdulasis Ibn Saud an Bord eines Kriegsschiffes im Großen Bittersee bei Kairo als Übersetzer. Jene frühen «informellen»US-Agenten im Nahen Osten verkehrten wie selbstverständlich in den akademischen und politischen Kreisen der amerikanischen Ostküste, wo ihre Meinung gefragt war. Für heutige Verhältnisse gewiss ungewöhnlich dienten sie vielfach als Kulturvermittler, gleichzeitig galten sie als mutige Wegbereiter und Pioniere. Unter den politischen Eliten Washingtons gab es nicht wenige, die dem Orient romantisch huldigten.

Der protestantisch geprägte (und zeitweise von derCIA mitfinanzierte) Interessensverband «The American Friends of the Middle East» verfügte im Außenministerium über großen Einfluss. Dort waren sie als «Arabisten» bekannt. Sie waren entschiedene Gegner des Zionismus, sahen die zu erwartenden Spannungen zwischen Israel und den Arabern voraus und wendeten sich gegen eine zu einseitige Ausrichtung amerikanischer Politik zugunsten des jüdischen Staates. Präsident Truman war ihnen anfangs zugetan, änderte aber seine Haltung im Wahljahr1948: «Ich muss auf Hunderttausende Rücksicht nehmen, die den Erfolg des Zionismus wünschen. Unter meinen Wählern befinden sich nicht hunderttausende arabische W

Cover1
Titel3
Zum Buch177
Über den Autor177
Impressum4
Inhalt5
Zitate7
Widmung8
Vorwort9
Die CIA lernt laufen in der Wüste: Die Putschversuche (nicht allein) in Syrien seit 194915
Vorsicht, fette Katzen: Araber und Syrer suchen die Freiheit und finden sie nicht41
Kein richtiges Leben im falschen: Baschar al-Assad setzt auf Gewalt55
«Oh mein Gott!»: Was eine Pipeline, Ghaddafis Waffen und Hillary Clinton mit Assad zu tun haben67
Unter Räubern: Die Amerikaner glauben an «gute» Dschihadisten93
Chemiewaffen in Syrien: Wre Washington beinahe Aufständischen auf den Leim gegangen?113
Der Konflikt weitet sich aus: Die Assad-Gegner verlieren die Kontrolle – vor allem in der Türkei127
Der Kampf um Aleppo: Das Regime festigt seine Macht151
Was tun? Ein Ausblick163
Anmerkungen171
Karte176