11. Kapitel
Sahner
Da stand ich also vor dem Bürogebäude, in dem in unendlichen Weiten eine unendliche Zahl von Etagen, Büros, Kaffeemaschinen und armen Trotteln verteilt waren, ohne dass ich eine Sekunde lang daran gezweifelt hätte, dass ich zu ihnen gehörte. Ich war voller Adrenalin und mein Puls ging so schnell, dass er jedem Kardiologen Angst gemacht hätte. Dazu kam, dass ich aussah, wie ein soeben aus der Psychiatrie Entflohener – die Haare wirr im schweißnassen Gesicht, das Hemd mit abgerissenen Knöpfen hing an meinem Körper. Dazu trug ich Socken, auf denen Garfield sagte, dass er Montage hasse, und er konnte es jedem sagen, der mich sah, denn ich hatte im Eifer des Gefechts vergessen, mir im Krankenhaus die Schuhe wieder anzuziehen.
Ich rannte durch die geräuschlos aufgleitende Glastür am Portier vorbei, der mich glücklicherweise nicht weiter beachtete, lief durch die Eingangshalle mit ihrem geschmacklosen, völlig überteuerten Pop-Art-Scheiß und hackte mehrmals hektisch auf den Up-Knopf am Fahrstuhl ein. Die Türen öffneten sich nach einer qualvollen Ewigkeit betont langsam. Noch ehe sie sich schlossen, sah ich aus der Ferne des Eingangs Manfred heranspurten, in der hoppelnden Art und Weise, wenn er es eilig hatte.
»Martin, Martin!«, keuchte er. »Halt die Tür auf!« Ich zuckte entschuldigend mit den Schultern (ich hatte keine Zeit zu verlieren), während ich mit aller Kraft und mehrmals auf den Close-Knopf einhieb. Manfred rannte, rannte, schnaufte, die Türen schlossen sich langsam, aber beständig, doch noch bevor sie einander berührten, hatte er seine Wurstfinger dazwischen geklemmt. Sklavisch und demütig öffneten sie sich wieder und mein erstaunlich beweglicher Kollege schlüpfte hindurch. Manfred strich sein Baumwollhemd glatt und ordnete vor dem Spiegel seine wenigen Haare, ehe er mich musterte, sichtlich erschrak und dann so tat, als nähme er mein Aussehen gar nicht wahr. Auch ich riskierte einen Blick in den Spiegel und als ich mich im dunklen Licht erkannte, erschrak ich fast noch mehr als er. Auf dem Weg hatte ich mir eine abstruse Geschichte über einen Unfall aus den Fingern saugen wollen, aber ich sah nicht aus, als wäre ich in einen Unfall geraten, sondern eher wie ein Opfer der Russenmafia oder der chinesischen Triaden.
»Haste heute auch verpennt?«, fragte ich Manfred, um die unangenehme Stille zu unterbrechen.
»Nein«, antwortete er und seine Stimme zitterte, als sei er wegen irgendetwas nervös. Er erinnerte mich mit seinem tomatenfarbenen Gesicht an sein Auftreten bei Svens dämlichen Meetings. »Nein, ich … ich habe nicht verschlafen. Aber heute Morgen habe ich mir einen kleinen Pudding gegönnt, mit Sahne, na ja, du weißt doch, von denen kann ich Schleckermaul eben nicht die Finger lassen.«
»Ja, und?« Manfred bezeichnete sich selbst gerne als Schleckermaul. Was wirklich verharmlosend war. Davon abgesehen kam mir irgendetwas merkwürdig vor an seinem Verhalten.
»Ich … na ja, ich hab’ versehentlich mein Hemd vollgekleckert. Und ein Ersatzhemd hatte ich nicht dabei und in der Redaktion hat doch niemand meine Größe, weißte. Deswegen haben der Chef und Sven mich wieder heimgeschickt, ein neues Hemd holen.« Das ungute Gefühl von vorhin stieg wieder in mir auf. Er war von Natur aus schmuddelig und beschmierte sich ständig beim Essen. Warum sollte er wegen eines kleinen Puddingflecks extra nach Hause fahren?
»Und deswegen haste dich umgezogen? Hier interessiert sich doch eh kein Schwein für uns.« Ich versuchte es mit einem kleinen Scherz, aber Manfred hob nur entschuldigend seine rotblonden Augenbrauen.
»Ich … ich soll heute gut aussehen, hat der Chef gesagt. Und Sven ist eh auf 180, naja, wegen des Termins.« Jetzt fing er an, in seinen Taschen zu nesteln, gab vor, etwas zu suchen. Offensichtlich war ihm irgendwie unwohl. Mein Auge pochte von innen heraus. »Du, Manfred, was ist‘n das für ein Termin?« Ich wusste es, noch bevor er es sagte, ich sah es in seinen Augen, ich spürte es in seiner floskelhaften Ei