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Reise an den Ursprung der Welt
2013 begegnete ich den Tenharim zum ersten Mal. Ich war damals in einem Rechercheteam aus zwei Journalisten, einem Fotografen und einem Waldführer im Amazonasgebiet unterwegs und suchte nach den Spuren eines Krieges. DasZEITMagazin hatte uns gebeten, über Zusammenstöße zwischen Holzfällerbanden und Amazonasvölkern zu berichten,[1] weil diese seit vier, fünf Jahren erneut eskalieren. Auch die Abholzung des tropischen Regenwaldes hat in dieser Zeit wieder stark zugenommen, nachdem es zu Beginn des Jahrtausends vorübergehend ein paar Erfolge für den Umweltschutz gab.[2] Diese beiden Phänomene hängen zusammen. Viele indigene Völker[3] bangen heute um ihr Überleben, weil sie den Holzfällern im Wege stehen.
Wir hatten damals noch nicht viel Erfahrung mit solchen Reportagen. Unser gemieteterVW-Gol, eine sparsame brasilianische Kleinfassung des deutschen Golfs ohne den Buchstaben «f» am Ende, erwies sich rasch als ungeeignet: Mit den riesigen Distanzen am Amazonas ist nicht zu spaßen. Ein Ort, der auf der Karte ganz nah aussieht, kann in Wirklichkeit eine Tagesreise entfernt liegen, und so holperten wir Stunden um Stunden schlecht gefedert auf schlammigen Lehmtrassen durch den Wald. Wir fluchten über die kollabierende Klimaanlage und wichen Straßenlöchern aus, in denen unser Fahrzeug komplett hätte verschwinden können. Nachts blieben wir in Motels für Lastwagenfahrer oder in unseren mitgebrachten Hängematten, die wir in Hütten und unter Bäumen aufknüpften. Der Kofferraum war vollgepackt mit Proviant, Toilettenpapier und Moskitospray.
Die langen Fahrten hatten auch einen Vorteil, denn sie machten uns eines klar: Es stimmt, was wir zuvor auf Satellitenfotos gesehen haben. Der Wald ist auf dem Rückzug. Man kann heute stundenlang durch das Amazonasgebiet fahren, wo früher noch Urwald stand, und durch die Wagenfenster nichts als Weiden und Sojapflanzungen sehen, bis an den Horizont.
Zusammenhängende Waldstücke findet man am Amazonas vor allem noch in den Indianergebieten – dort, wo indigene Völker ihre Heimat verteidigen.[4] Auch sie kann man auf den Satellitenfotos gut erkennen, als dunkle Flecken aus dichten Baumkronen, durchschlängelt von Flüssen. Ringsherum zeigen die Aufnahmen die Karos landwirtschaftlicher Betriebe auf entwaldeten Flächen. Brasilien gilt als der größte Waldvernichter der Welt. In den vergangenen fünfundvierzig Jahren wurde dort ein Fünftel der Amazonasbäume umgesägt, was einer kahlgerodeten Fläche so groß wie zweimal Deutschland entspricht. Ein weiteres Fünftel ist ausgedünnt und schwer beschädigt. Im Augenblick liegen die Steigerungsraten bei der Abholzung pro Jahr mal bei 20, 40, 50 Prozent.[5] Als wir 2013 unsere Reportage vorbereiteten, erklärten uns Klimaschützer, dass das Amazonasgebiet der größte Wasserspeicher des Planeten und ein gigantischer Vernichter von Treibhausgasen sei, doch neuerdings funktioniere der Wald nicht mehr richtig. Die grüne Lunge der Welt gerate außer Atem. Anderswo auf dem Planeten seien deshalb nun Überschwemmungs- und Dürrekatastrophen zu erwarten.
Unser Rechercheteam war damals schon eine gute Woche im südlichen Amazonasgebiet unterwegs, als uns eine Nachricht aufschreckte. Im Radio hieß es, dass ein Indianervolk namens Tenharim erneut damit begonnen habe, brasilianische Siedler zu ermorden. Mitten durch das Stammesgebiet der Tenharim führt die Transamazônica, eine Fernstraße aus Lehm, die in den siebziger Jahren 4223 Kilometer weit von West nach Ost durch den brasilianischen Regenwald gebaut wurde – und genau dort wurden nun offenbar drei Männer, zwei Weiße und ein Schwarzer aus den umliegenden Siedlungen, in ihrem Auto erschossen. Die Polizei fand ihre Leichen später verscharrt auf dem Stammesgebiet der Tenharim. Sie steckte fünf Krieger des Volkes ins Gefängnis.
Die Ereignisse waren für unsere Reportage interessant, denn die Gegend rings um das Stammesgebiet der Tenharim gilt als Abholzungs-Hotspot. Die Transamazônica ist einer der wichtigsten Transportwege für legal und illegal geschlagenes Holz. Wir fuhren hin – einen Tag und eine Nacht lang –, um das wehrhafte Volk zu besuchen. Doch als wir ankamen, war alles abgesperrt. Soldaten sicherten die Straße, Hubschrauber kreisten in der Luft. Die brasilianische Regierung wollte beide Seiten voreinander schützen, denn in den Nächten zuvor waren Lynchmobs weißer Siedler vor die Dörfer der Tenharim gezogen, hatten Hütten und sogar den Außenposten der staatlichen Indianerschutzbehörde in Brand gesteckt.
Im ersten Anlauf hielten die Sicherheitskräfte auch uns Journal