Vom Schreiben auf dem Bitterfelder Weg Die Bewegung schreibender Arbeiter - Betrachtungen und Erfahrungen
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Rüdiger Bernhardt
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Vom Schreiben auf dem Bitterfelder Weg Die Bewegung schreibender Arbeiter - Betrachtungen und Erfahrungen
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Neue Impulse Verlag
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9783946845232
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1
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CHF 13.30
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Politik
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German
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331
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kein Kopierschutz
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PC/MAC/eReader/Tablet
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ePUB
Die Geschichte der Bewegung schreibender Arbeiter/innen der DDR ist nur in Ansätzen geschrieben. Dieses Buch betrachten wir als Grundbaustein dazu. Vom Literaturbetrieb der Alt-BRD als Produktionsstätten von »Ideologiekitsch« verschrien, inspirierte die Bewegung den »Werkkreis Literatur der Arbeitswelt«. Hier wie dort ermöglichten die Zirkel bei arbeitenden Menschen emanzipatorische, kulturpolitische Bildungsprozesse, die dem Bürgertum suspekt waren. Und sie brachten beachtliche Werke hervor. Unser Autor Prof. em Rüdiger Bernhardt begleitete die Bewegung schreibender Arbeiter/innen wissenschaftlich und ganz praktisch.
Aus dem Vorwort Es war vor fünfzig Jahren zu Beginn des Studienjahres 1965/66, als mich der Dozent am Germanistischen Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Dr. phil. habil. Wolfgang Friedrich (1926-1967) fragte, ob ich den Zirkel schreibender Arbeiter der Leuna-Werke leiten würde. Die Frage kam nicht unerwartet, denn bei meiner Einstellung als Assistent ein Jahr zuvor wurde ich in die Besonderheit des Institutes eingeführt, sich seit der I.Bitterfelder Konferenz 1959 für schreibende Arbeiter einzusetzen und dabei auch Zirkel zu betreuen. Dazu bedurfte es keines Auftrags und keiner Weisung, sondern die Hallenser Germanisten fühlten sich von den in Bitterfeld entwickelten Vorstellungen so angeregt, dass sie unabhängig von ihren Lehr- und Forschungsverpflichtungen sich in die neue Problematik einarbeiteten und auch in der späteren sehr viel größeren Sektion Germanistik und Kunstwissenschaften entsprechenden Tätigkeiten nachgingen. Sie hatten sich 1960 auf einer ersten Konferenz über die Grundzüge einer solchen Tätigkeit verständigt, wurden Zirkelleiter, erarbeiteten methodische Materialien, gaben Anthologien und andere Texte heraus und übernahmen leitende und anleitende Aufgaben, so Wolfgang Friedrich als Vorsitzender der Bezirksarbeitsgemeinschaft schreibender Arbeiter beim Bezirkskabinett für Kulturarbeit, seine Frau Cäcilia Friedrich als Zirkelleiterin wie auch viele andere. Bezirksarbeitsgemeinschaften (BAG) gab es für alle Volkskunstgruppen und Genres in jedem der fünfzehn Bezirke der DDR. Als ehrenamtliche Gremien berieten die Bezirksarbeitsgemeinschaften die Bezirkskabinette für Kulturarbeit und als Zentrale Arbeitsgemeinschaften (ZAG) das Zentralhaus für Kulturarbeit in Leipzig. 1963/64 war eine Blütezeit der Bewegung schreibender Arbeiter, die sich stabilisiert hatte und auf diesem Niveau bis zum Ende der DDR, in mehreren Zirkeln auch darüber hinaus bestehen blieb. Auch von den massiven kulturpolitischen Eingriffe wie dem 11. Plenum des ZK der SED 1965 blieb sie weitgehend verschont; nur einige Zirkelleiter, die Schriftsteller waren wie Hasso Grabner, gerieten in die Schusslinie. Bei der Stabilisierung der Bewegung sind nicht alle Vorstellungen der Politiker und Initiatoren in Erfüllung gegangen - sofern es solche genauen Vorstellungen gegeben hat und es nicht um einen allgemeinen, für notwendig erachteten Bildungsprozess ging, der eingeleitet werden sollte -, aber das Ergebnis der Bewegung schreibender Arbeiter war insgesamt und von »unten« her betrachtet beeindruckend, wie 25Jahre nach der I.Bitterfelder Konferenz auf einer Konferenz in der Maxhütte Unterwellenborn 1984 eingeschätzt wurde. Für 1964, das Jahr der II.Bitterfelder Konferenz, wurden die schreibenden Arbeiter von bürgerlichen Literaturwissenschaftlern jedoch totgesagt, bestenfalls belächelt: »Eine heute exotisch anmutende massenkulturelle Initiative versandete wieder.« Sie reagierten so auf einen Bildungsvorgang, der ihnen suspekt war, weil er sich auf einen ihnen fremden sozialen Teil der Gesellschaft bezog, dessen Besond