: Kurt Tucholsky
: Dieter Mayer
: »Lieber Freund, uns haben sie falsch geboren« Kurt Tucholskys Briefe an Walter Hasenclever
: Verlag Ille& Riemer
: 9783954201266
: 1
: CHF 8.80
:
: "Deutsche Sprachwissenschaft; Deutschsprachige Literaturwissen- schaft"
: German
: 281
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky (1890-1935) und der expressionistische Schriftsteller Walter Hasenclever (1890-1940) gehören zu den prägenden Figuren des kulturellen Lebens der Weimarer Republik. Beide verband eine langjährige Freundschaft Walter Hasenclever wurde einer der der wichtigsten literarischen Briefpartner Tucholskys seit dessen Entschluss im September 1932, künftig alle journalistischen Aktivitäten einzustellen. Aus den Briefen an Hasenclever können wir erfahren, worüber und wie Tucholsky in seinen drei letzten Lebensjahren nachgedacht, was er erwartet und befürchtet, wie sich seine Stimmungslage eingetrübt hat, und wir erfahren auch, dass der Kreis jener Personen, mit denen er sich fortan noch austauschen wollte, deutlich kleiner geworden war. Diese Ausgabe aller Briefe Tucholskys an Walter und Marita Hasenclever wird durch Hinweise zur Briefpartnerschaft und Angaben zu Schreibanlass und -absicht des jeweiligen Briefes ergänzt. Die Anmerkungen gehen weiterhin auf Themen, Ansichten und Urteile ein, die Tucholsky vor allem von 1933 an beschäftigt haben. Dies ist vor allem deshalb sehr hilfreich, weil zu Tucholskys gedanken- und oft umfangreichen Briefen an Hasenclever die Gegenbriefe nicht erhalten sind, weil Hasenclever immer wieder darauf gedrungen hat, seine Schreiben nach ihrer Lektüre umgehend zu vernichten - woran sich sein Briefpartner strikt hielt. Gerade in der Zeit seines öffentlichen Verstummens zeigen die Briefe Tucholskys eindrucksvoll, dass sein wacher Blick auf die deutschen Verhältnisse nichts von seiner Scharfsinnigkeit verloren hat. Und die Briefe an Hasenclever lassen eine Bedeutung des Briefpartners für Tucholsky erkennen, die viel zu oft unterschätzt wird.

Einleitung


Kurt Tucholsky hatte sich, wie in einigen Briefen an Mary Gerold nachzulesen ist, in den ersten Monaten nach seiner Rückkehr aus dem Polizeidienst in Rumänien am 20. November 1918 in Berlin politisch wie beruflich weitgehend orientierungslos gefühlt. Seine Geburtsstadt bezeichnete er zunächst als ‚Wartesaal vierter Klasse‘2. DasBerliner Tageblatt des Mosse Verlags, in dem er seit Mitte August 1918 einige Artikel untergebracht hatte, bot ihm die Chefredaktion der WochenzeitungUlk an, die er nun übernahm. Seine eigentliche journalistische Heimat blieb jedoch auch in den Jahren nach der Revolution JacobsohnsWeltbühne, in der neben zahlreichen Artikeln vom 9. Januar 1919 bis zum 22 Januar 1921 seine umfangreiche achtteilige Serie Militaria erschien, eine gründliche Abrechnung mit der Gesamtsituation im Heer des Kaiserreichs. Friedrich Ebert, seit dem 10. November 1918 Vorsitzender des Rats der Volksbeauftragten, hatte, um die Gefahr einer Revolution der radikalen Linken zu verhindern, mit Groener, dem Generalstabschef der Truppen nach der Kapitulation, eine Übereinkunft getroffen, die sich als verhängnisvoll für die sich formende Weimarer Republik erwies. Groener gab darin als Chef des Heeres eine Legalitätserklärung für eine von Ebert geführte Regierung ab. Als Gegenleistung verlangte er die Zusicherung, dass im Heer des neuen Staates das bisherige Offizierskorps die Kommandogewalt behielt, um eine disziplinierte Rückführung des Heeres nach Deutschland zu ermöglichen. Auf diese Weise sicherte Groener die Aufnahme vieler Offiziere des Kaiserreichs in das künftige Heer ab.

Welche Folgen für die Einstellung und auch Handlungsweise der aus dem kaiserlichen Heer übernommenen Offiziere in der weimarer Republik hatte, schilderte und beurteilte Tucholsky bei Besuchen von Prozessen der Jahre 1919 und 1920, so etwa bei der Verhandlung eines Kriegsgerichts gegen Oberleutnant Otto Marloh im Dezember 1919. Dieser hatte eine größere Zahl von Mitgliedern der Volksmarinedivision, die in Kiel im November 1918 gegründet worden war und keine Offiziere aufnahm, auf Rat seiner Vorgesetzten erschießen lassen, wurde aber von der Anklage des Totschlags freigesprochen und aus der Haft entlassen. Tucholsky berichtete zunächst am 5.12.1919 in derBerliner Volks-Zeitung kritisch über den Ablauf des Prozesses und dann am 18.12. ausführlich In derWeltbühne. Er verwies hierbei auf seine mehrteilige ArtikelserieMilitaria, die zwischen Januar und August 1919 erschienen war und eine heftige Diskussion in der Presse ausgelöst hatte. Im BerichtProzeß Marloh nach dem Urteil schrieb Tucholksy3

Die Beurteilung dieses Mordes kann nur erfolgen, wenn man die Welt, aus der er hervorgegangen ist, genau kennt. Diese Welt ist skrupellos, tief unwahrhaftig und von einem großen Teil des deutschen Volkes heute noch verehrt und geschätzt. (…)4
Das deutsche Volk, in einer beispiellosen Katastrophe zusammengebrochen, die es zur guten Hälfte selbst verschuldet hat, befindet sich heute in schwerem wirtschaftlichen Niedergang5 (…) Und hier möchte ich aufnehmen, was ich anfangs andeutete: Es scheint aussichtslos. Wir kämpfen hier gegen das innerste Mark des Volkes, und das geht nicht. Es hat keinen Sinn, die Berichte Punkt um Punkt durchzugehen, hier WiderSprüche nachzuweisen und da Lügen, Roheiten und Minderwertigkeiten. (…)
Ich resigniere. Ich kämpfe weiter, aber ich resigniere. Wir Stehen hier fast ganz allein in Deutschland – fast ganz allein.

Dennoch war Tucholsky gewillt, diesen Prozess nicht grundsätzlich hinzunehmen und künftig zu schweigen:

Trotz alledem: wir wollen doch sehen daß man ihn als Abbruch verkauft. Das Ziel ist fern. Aber es gibt eins.6

Auch kritisierte Tucholsky die weitgehende Übernahme der kaiserlichen Verwaltung, vieler Lehrer, Universitätsprofessoren und vor allem der bisherigen Justiz in den jungen Staat. Immer wieder forderte er bis zum Beginn der dreißiger Jahre in einer Vielzahl von journalistischen Arbeiten und auch bei seiner Mitarbeit in