: Dirk Bernemann
: Ich hab die Unschuld kotzen sehen - 3 Das Ende der Trilogie
: UBooks
: 9783866086197
: 1
: CHF 6.20
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 208
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Bewegende Geschichten, zwischen poetischem Glanzbildsammelalbum und Kriegsberichterstattung, literarischen Bombeneinschlägen gleich, mit einer Sprache wie Musik zwischen Klavierballaden und Grindcore direkt aus dem Proberaum im Keller der Nervenheilanstalt. Selbst im dritten und letzten Teil der Trilogie hat Dirk Bernemann nichts von seiner Sprachgewalt verloren, im Gegenteil. Jede Geschichte ist ein kräftiger Tritt in die Weichteile unserer Gesellschaft.

Dirk Bernemann, geboren 1975, mittags. Fing mit fünf Jahren an zu schreiben, hörte aber mit 6 Jahren wieder auf. Dann Schuleintritt und Verzweiflung. Wiederaufnahme des Schreibens ca. 1997 in Form von Songtexten für Punkbands, die es nie gab und Tagebüchern. Ein paar Liebesbriefe später wusste er auch, wie es funktioniert. Weniger als 10 Jahre vergingen und es erschien sein erstes Buch, seitdem einen Fuß in der Tür des Literaturbetriebs, die immer wieder zugeschlagen wird. Arme Tür. Armer Fuß. Trotzdem weitermachen, immer wieder. Was er mag: Obstsalat, Weisswein, Bücherstapel. Was er nicht mag: Tod, offene Bäuche, Poetry Slam.

Das Gelächter der Geschlechter

Ulf schloss seine Kneipe auf und die ersten zwei Stunden war alles leise. Er wählte die Howard Carpendale-CD aus, um dem Abend die musikalische Brisanz zu geben, nach der so ein Abend zu verlangen schien. Obwohl Brisanz, so dachte Ulf, Brisanz war doch was ganz anderes als das, wovon der Howard da sang. Brisanz müsste doch irgendwo prickeln, dachte Ulf, stellte den Howard etwas lauter und wartete auf ein Prickeln, das irgendwo in ihm stattfinden könnte. Es blieb ruhig in Ulf.

Die paar Alkoholiker, die immer schon sehr früh kommen, die musste man immer vor der Bestellung nach dem Geld fragen und es sich am besten auch zeigen lassen. Das wusste Ulf, er hatte Erfahrung in dem Job – leider sah er auch so aus. Er hatte ein Kneipenerfahrungsgesicht, sah beschädigt aus von dem, was junge Menschen «Nightlife» nannten und Ulf «Leben». Ulf sah aus wie ein Geschöpf, das sich selbst im Dunkeln verstecken mag. Bei Tageslicht funktionierte er nicht, der Ulf, nächtens hatte er die Funktion eines Schankwirts inne und das rechtfertigte seine Existenz, dachte er bei sich.

Ab 22 Uhr kamen immer mehr Leute, vielen verstreuten Einsamen bot Ulf an seinem Tresen Platz. Effiziente Trinker, verzweifelte Frauenverschnitte, selbstmitleidige Jungspunde, die typische Kneipenbesetzung. Direkt am Tresen saß ein Paar, das sich gerade erst kennengelernt hatte.

«Immer diese Enttäuschungen, die so zahlreich daher kommen.» Karins Sprache war gewählt, sie selbst gepflegt, sie tippte mit manikürten Händen am Tresen entlang und ließ es klingen als ritte dort ein Playmobilpony des Weges. «Ja ja, schlimm.» Martins Beipflichtung war eine Empathievortäuschung, die Männer seines Formates gerne kundtun, wenn sie sich auf dem direkten Weg in Vaginen befindlich glauben.

Karin, Erzieherin, chaotisch, vergesslich, tollpatschig. Mal Tier, mal Kind, und ein Leben in der kleinen Handtasche, das in Unordnung geraten schien. Unter der intimen Kneipenbeleuchtung unterhielten sie sich miteinander, die Zärtlichkeit eines Rausches beschützte sie vor der Wirklichkeit. Wohl ein Monster, diese Wirklichkeit, die nächtens anders brüllt als bei Tageslicht. Der Abend machte sie schön, die Karin, nur der Abend. Hinter dem Tresen zapfte einer Bier, der nur Ulf heißen konnte, weil er wie ein Ulf aussah. Karin sah das an, was Ulf sein Gesicht nannte, und fühlte sich gut, im nächsten Moment woanders hingucken zu dürfen.

Martin, Ingenieur, im Vollsaft stehend, suchend, blindlings stolpernd, einmal monatlich kegelnd, knapp unter 30, einiges verspielt, unter anderem das, was er für Stil und Humor hält, geschmacklich nicht fixiert, gen Mittelmaß tendierend, wo auch immer sich das versteckt hält, hier in den dunklen Katakomben der Extreme. Den Zufall herauszufordern, des-wegen ist er hier. Abschlepperkneipe. Martin kann sie ignorieren, seine Verzweiflung. Die paar Bier, die er alleine trank wollten ihm schon sein idiotisches Verhalten vor Augen fü