: Margarete Alb, Chris Schlicht, Anne Zandt, Tina Becker, Marcus Watolla, Dorothee Reimann, Carmilla D
: Weihnachten und andere Amtsangelegenheiten Arbeitsbericht des Bundesamtes für magische Wesen
: Bundeslurch Verlag
: 9783963506000
: 1
: CHF 13.20
:
: Anthologien
: German
: 260
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Und wieder berichten die AutorInnen des Bundesamtes für magische Wesen über ihre Beobachtungen der Mitbürger mit magischem Hintergrund. Mit diesem dritten Arbeitsbericht, der zu Weihnachten 2017 erscheint, übernimmt der amtseigene Bundeslurch Verlag die Publikation der Arbeiten fantastischer Autoren. 10 Kurzgeschichten von Chris Schlicht, Margarete Alb, Anne Zandt, Tina Becker, Marcus Watolla, Dorothee Reimann, Carmilla DeWinter, Katrin Minert, Carola Jürchott und Hagen Ulrich. Chris Schlicht: Die Heiligen der Nacht Der junge Mönch Tomas stirbt bei einem großen Erdbeben - und wacht in der nächsten Nacht als Steinseele wieder auf. Tagsüber als Statue gefangen, ist er nachts stiller Beobachter der Menschen. Damit will er sich allerdings nicht abfinden. Margarete Alb: Das Thomasturnier Cernun Otternherr hat sich vor seinen Feinden im Schmalkaldischen Exil verkrochen. In der längsten Nacht des Jahres lockt ihn eine ausnehmend seltsame Zusammenkunft von Dämonen aus seinem Versteck. Anne Zandt: Wintermond Treffen Sie einen Werwolf, der sich mit Überstunden, den Gerüchen vom Weihnachtsmarkt und genervten Pendlern herumplagen muss. Schafft er es rechtzeitig vor seiner Verwandlung nach Hause? Tina Becker: Blutmond um Mitternacht Im winterlichen Wald kommt eine Hexe grausam ums Leben. Minna, die Oberste des Hexenzirkels, verdächtigt die Werwölfe und schwört grausame Rache. Markus Watolla: Das Geheimnis des Peter Gennersheim Der neue Nachbar verhält sich äußerst seltsam. Ist das Verfolgungswahn, oder ist wirklich jemand hinter ihm her? Dorothe Reimann: Jahr und Tag 'Meine Damen und Herren, Sie arbeiten ab heute für das Bundesamt für magische Wesen, Sektion Taktisches Drachengeschwader 35 'B'. Die Mitarbeiteranzahl beträgt mit Ihnen 54.' Carmilla DeWinter: Ruhige Feiertage Der Incubus Frisk ist in Karlsruhe untergetaucht. An Heiligabend gerät er in die Auseinandersetzung zwischen einem verirrten Alben und einigen Betrunkenen. Die resultierende Explosion ruft die Behörden und eine erpresserische Hexe auf den Plan. Katrin Minert: Schneeflöckchen Bob, wandernder Tischlergeselle und Wermaus, trifft eine geheimnisvolle Frau namens Skadi Flocke, die immer ein Hauch nach Schnee umweht. Genau deswegen ist allerdings ein skrupelloser Geschäftsmann hinter ihr her. Hagen Ulrich: Sebastians blutige Prüfung Sebastian Harrach, magiebegabter und entführter Sohn des fundamentalistischen CDU-Politikers Peter Harrach, gilt als tot. Seine Freunde sind in ihrer Trauer wie gelähmt. Der hinter der Entführung stehende Peter Harrach wird Innenminister in der sächsischen Landesregierung. Derweil werden an Sebastian in einer polnischen Klinik Verfahren zur Homoheilung getestet. Doch dann findet Sebastians magischer Ring den Weg zu seinem Eigentümer. Sebastian erwacht aus seiner Situation. Und nimmt Rache.

Die Halbelfe lebt bereits seit 1493 in den Südthüringer Wäldern um die beschauliche Stadt Schmalkalden. Aber eigentlich hat sie nur eine große Klappe und lässt sich von einer 1971 geborenen studierten Keramikdesignerin unterstützen, welche mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Floh-Seligenthal in Südthüringen lebt und arbeitet. Mit Vorliebe studiert sie Sagenbücher und alte Chroniken, immer auf der Suche nach den Lügen, mit denen die Menschen die magische Welt zu verschleiern pflegen. Aber da man davon nicht immer leben kann, führt sie eine Keramikwerkstatt und liebt es, Kinder in kreative Welten zu entführen.

Chris Schlicht
Die Heiligen der Nacht


Erschütterungen rissen Tomas aus dem Schlaf. Er sprang von seiner Pritsche herunter, als hätte ihn etwas gebissen. Zitternd strich er seine Kutte glatt und lauschte in die Dunkelheit der Klosterzelle, die er mit einem anderen Novizen teilte. Nuno war nicht da, doch das war nichts Ungewöhnliches, da er in der Küche des Klosters arbeitete und vor allen anderen Mönchen aufstand, um frisches Brot zuzubereiten.

Tomas fühlte sich immer noch wie in einem tiefen Traum gefangen. Was war das nur gewesen? Einbildung? Seine letzten Nachtmare schwanden bereits und er hielt sie krampfhaft fest. Ein Erdbeben, alles schwankte, Mauern stürzten über ihm ein. Hatte er das nur geträumt oder waren es tatsächlich Erdstöße, die ihn weckten?

Verwirrt trat er aus seiner Zelle und sah sich um. Niemand war zu sehen und überall herrschte tiefe Dunkelheit. Die Fackeln vom Vorabend brannten längst nicht mehr, die Nacht wich noch nicht. Etwas flatterte lautstark durch einen Gang und Tomas begab sich auf die Suche. Wenn sich ein Vogel in das Kloster verirrt haben sollte, wollte er ihn befreien. Oder war es eine Fledermaus? In diesem Falle hoffte er, dass das Tier den Ausgang alleine finden möge, da er sich vor den Geschöpfen der Nacht fürchtete.

Tomas betrat den Kreuzgang und blickte zu dem klaren Nachthimmel auf. Das Flattern war verstummt, wahrscheinlich hatte das Tier sich selbst aus seiner Zwangslage befreit. Vielleicht hatte er es sich aber auch ebenso eingebildet wie das Zittern des Bodens.

Es war empfindlich kalt, dennoch konnte er sich der Faszination für den Sternenhimmel nicht entziehen. Daher kehrte er nicht in seine Zelle zurück, um noch ein wenig Schlaf zu suchen. Dabei wäre ein bisschen Ruhe willkommen, schließlich sollte er an diesem Tage bei einer Messe assistieren, die auch von den Bürgern Lissabons besucht werden durfte.

Plötzlich stolperte er, weil er nach wie vor zum Himmel sah, und konnte sich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Verwirrt betrachtete er das Objekt, das ihn fast zu Fall gebracht hätte. Es schien ihn anzuschauen. Er bückte sich, um den Stein aufzuheben und erkannte einen der hässlichen Wasserspeier, die rund um den Kreuzgang das Wasser von den Dächern ableiteten. Der Kopf war abgebrochen und starrte Tomas aus leeren Augen entgegen, ein fieses Grinsen auf den wulstigen Lippen.

Tomas korrigierte sich in Gedanken. Nein, es war kein fieses Grinsen, eher ein erleichtertes? Er fühlte sich seltsam angesichts der Kreatur, die es auch in dieser Stadt zuhauf gab. Seine Lehrer verabscheuten sie als üblen Zierrat und Teufelswerk, doch Tomas erinnerten sie immer wieder daran, dass es nicht nur Schönheit und Gutes auf der Welt gab. Er fand, dass sich Mönche durchaus immer wieder daran erinnern sollten.

In seinem Innersten spürte er noch etwas Anderes.

Der Kopf war ein Beweis dafür, dass es doch ein leichtes Erdbeben gegeben hatte. Warum sonst sollte ein solch intakter Stein abbrechen?

Wieder flatterte etwas in seiner Nähe, es klang nach den Flügeln von Tauben, die gegen Wände schlugen. Er sah sich danach um, konnte jedoch nichts entdecken. Eine weitere Erkenntnis wollte sich in den Vordergrund drängen, doch er konnte sie nicht in Worte fassen. Erst als er den Kopf des Wasserspeiers so auf die Balustrade legte, dass er dem Bruder Steinmetz sofort auffallen würde, wenn er zum Gebet in die Kirche ging, wurde ihm bewusst, dass noch etwas fehlte.

Es war der Wasserspeier auf dem Brunnen in der Mitte des Kreuzganges. Tomas hätte schwören können, dass er das geflügelte Monster am Vortag noch gesehen hatte und dass es unbeschädigt war. Er konnte sich nicht vorstellen, dass man es in die Werkstatt des Steinmetzes gebracht hatte. Noch einmal sah er zu dem abgefallenen Kopf des Wasserspeiers vom Dach. Dieses Mal wirkte das Grinsen, als wolle der Steindämon ihn auslachen.

Nun kehrte Tomas doch wieder in seine Zelle zurück und zog sich die Decke über den Kopf.

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Die Kirche des Karmeliterklosters war voll bis auf den letzten Platz der harten Holzbänke. Tomas betrachtete die Menschen, die zur Messe kamen, um Allerheiligen zu feiern. Er war aufgeregt. Nicht nur, weil er an diesem Tag dem Priester assistieren sollte. Der Abt hatte ihm gerade erst mitgeteilt, dass er bei den Weihnachtsfeierlichkeiten eine Lesung aus der Bibel halten sollte, weil er Tomas‘ klare, gut verständliche Stimme schätzte. Das befand Tomas als große Ehre und er wollte sich des Vertrauens würdig erweisen.

Doch noch war es nicht soweit. Erst einmal musste er diese Aufgabe bewältigen und er sprach ein stummes Gebet zu den Heiligen, derer sie an diesem Tage gedenken wollten.

Es waren nicht nur die Einwohner von Lissabon gekommen. In der Kirche des Convento de Carmo herrschte ein reges, aber verhaltenes Sprachgewirr. Seeleute aus aller Herren Länder nutzten die Möglichkeit, den Feiertag der Heiligen in den zahlreichen Kirchen der Stadt zu begehen, die zum Teil mehrere Messen hintereinander zelebrierten, um allen Menschen die Gelegenheit zum Kirchgang zu geben.

In Tomas‘ Nähe stand eine Frau, um die sich mehrere Kinder scharten, die ehrfürchtig still dem Treiben in der Kirche folgten. Tomas erkannte in der Frau die Leiterin des Waisenhauses und ihm taten die Kinder leid. Besonders ein schon recht groß gewachsener Junge mit wachem, aber resigniertem Blick, der kaum älter sein konnte, als Tomas es bei seinem Eintritt in den Convento gewesen war. Was für ein Leben mochte diesen Kindern bevorstehen? Kaum einer nahm sich dieser armen Seelen mit der nötigen Liebe an. Allenfalls holte man sie sich als billige Arbeitskräfte, wenn sie alt genug waren.

Die Glocken schlugen zum Einzug des Priesters und es wurde still in der Kirche. Die Zeremonie begann und Tomas konzentrierte sich auf seinen Anteil. Doch es gelang ihm nicht. Es war ihm, als würden die uralten