Chris Schlicht
Die Heiligen der Nacht
Erschütterungen rissen Tomas aus dem Schlaf. Er sprang von seiner Pritsche herunter, als hätte ihn etwas gebissen. Zitternd strich er seine Kutte glatt und lauschte in die Dunkelheit der Klosterzelle, die er mit einem anderen Novizen teilte. Nuno war nicht da, doch das war nichts Ungewöhnliches, da er in der Küche des Klosters arbeitete und vor allen anderen Mönchen aufstand, um frisches Brot zuzubereiten.
Tomas fühlte sich immer noch wie in einem tiefen Traum gefangen. Was war das nur gewesen? Einbildung? Seine letzten Nachtmare schwanden bereits und er hielt sie krampfhaft fest. Ein Erdbeben, alles schwankte, Mauern stürzten über ihm ein. Hatte er das nur geträumt oder waren es tatsächlich Erdstöße, die ihn weckten?
Verwirrt trat er aus seiner Zelle und sah sich um. Niemand war zu sehen und überall herrschte tiefe Dunkelheit. Die Fackeln vom Vorabend brannten längst nicht mehr, die Nacht wich noch nicht. Etwas flatterte lautstark durch einen Gang und Tomas begab sich auf die Suche. Wenn sich ein Vogel in das Kloster verirrt haben sollte, wollte er ihn befreien. Oder war es eine Fledermaus? In diesem Falle hoffte er, dass das Tier den Ausgang alleine finden möge, da er sich vor den Geschöpfen der Nacht fürchtete.
Tomas betrat den Kreuzgang und blickte zu dem klaren Nachthimmel auf. Das Flattern war verstummt, wahrscheinlich hatte das Tier sich selbst aus seiner Zwangslage befreit. Vielleicht hatte er es sich aber auch ebenso eingebildet wie das Zittern des Bodens.
Es war empfindlich kalt, dennoch konnte er sich der Faszination für den Sternenhimmel nicht entziehen. Daher kehrte er nicht in seine Zelle zurück, um noch ein wenig Schlaf zu suchen. Dabei wäre ein bisschen Ruhe willkommen, schließlich sollte er an diesem Tage bei einer Messe assistieren, die auch von den Bürgern Lissabons besucht werden durfte.
Plötzlich stolperte er, weil er nach wie vor zum Himmel sah, und konnte sich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Verwirrt betrachtete er das Objekt, das ihn fast zu Fall gebracht hätte. Es schien ihn anzuschauen. Er bückte sich, um den Stein aufzuheben und erkannte einen der hässlichen Wasserspeier, die rund um den Kreuzgang das Wasser von den Dächern ableiteten. Der Kopf war abgebrochen und starrte Tomas aus leeren Augen entgegen, ein fieses Grinsen auf den wulstigen Lippen.
Tomas korrigierte sich in Gedanken. Nein, es war kein fieses Grinsen, eher ein erleichtertes? Er fühlte sich seltsam angesichts der Kreatur, die es auch in dieser Stadt zuhauf gab. Seine Lehrer verabscheuten sie als üblen Zierrat und Teufelswerk, doch Tomas erinnerten sie immer wieder daran, dass es nicht nur Schönheit und Gutes auf der Welt gab. Er fand, dass sich Mönche durchaus immer wieder daran erinnern sollten.
In seinem Innersten spürte er noch etwas Anderes.
Der Kopf war ein Beweis dafür, dass es doch ein leichtes Erdbeben gegeben hatte. Warum sonst sollte ein solch intakter Stein abbrechen?
Wieder flatterte etwas in seiner Nähe, es klang nach den Flügeln von Tauben, die gegen Wände schlugen. Er sah sich danach um, konnte jedoch nichts entdecken. Eine weitere Erkenntnis wollte sich in den Vordergrund drängen, doch er konnte sie nicht in Worte fassen. Erst als er den Kopf des Wasserspeiers so auf die Balustrade legte, dass er dem Bruder Steinmetz sofort auffallen würde, wenn er zum Gebet in die Kirche ging, wurde ihm bewusst, dass noch etwas fehlte.
Es war der Wasserspeier auf dem Brunnen in der Mitte des Kreuzganges. Tomas hätte schwören können, dass er das geflügelte Monster am Vortag noch gesehen hatte und dass es unbeschädigt war. Er konnte sich nicht vorstellen, dass man es in die Werkstatt des Steinmetzes gebracht hatte. Noch einmal sah er zu dem abgefallenen Kopf des Wasserspeiers vom Dach. Dieses Mal wirkte das Grinsen, als wolle der Steindämon ihn auslachen.
Nun kehrte Tomas doch wieder in seine Zelle zurück und zog sich die Decke über den Kopf.
Die Kirche des Karmeliterklosters war voll bis auf den letzten Platz der harten Holzbänke. Tomas betrachtete die Menschen, die zur Messe kamen, um Allerheiligen zu feiern. Er war aufgeregt. Nicht nur, weil er an diesem Tag dem Priester assistieren sollte. Der Abt hatte ihm gerade erst mitgeteilt, dass er bei den Weihnachtsfeierlichkeiten eine Lesung aus der Bibel halten sollte, weil er Tomas‘ klare, gut verständliche Stimme schätzte. Das befand Tomas als große Ehre und er wollte sich des Vertrauens würdig erweisen.
Doch noch war es nicht soweit. Erst einmal musste er diese Aufgabe bewältigen und er sprach ein stummes Gebet zu den Heiligen, derer sie an diesem Tage gedenken wollten.
Es waren nicht nur die Einwohner von Lissabon gekommen. In der Kirche des Convento de Carmo herrschte ein reges, aber verhaltenes Sprachgewirr. Seeleute aus aller Herren Länder nutzten die Möglichkeit, den Feiertag der Heiligen in den zahlreichen Kirchen der Stadt zu begehen, die zum Teil mehrere Messen hintereinander zelebrierten, um allen Menschen die Gelegenheit zum Kirchgang zu geben.
In Tomas‘ Nähe stand eine Frau, um die sich mehrere Kinder scharten, die ehrfürchtig still dem Treiben in der Kirche folgten. Tomas erkannte in der Frau die Leiterin des Waisenhauses und ihm taten die Kinder leid. Besonders ein schon recht groß gewachsener Junge mit wachem, aber resigniertem Blick, der kaum älter sein konnte, als Tomas es bei seinem Eintritt in den Convento gewesen war. Was für ein Leben mochte diesen Kindern bevorstehen? Kaum einer nahm sich dieser armen Seelen mit der nötigen Liebe an. Allenfalls holte man sie sich als billige Arbeitskräfte, wenn sie alt genug waren.
Die Glocken schlugen zum Einzug des Priesters und es wurde still in der Kirche. Die Zeremonie begann und Tomas konzentrierte sich auf seinen Anteil. Doch es gelang ihm nicht. Es war ihm, als würden die uralten