Ein Penner legt sich auf den Bürgersteig, streckt die Arme in den Himmel und singt »Ave Maria«. Ich bleibe stehen, der Menschenfluss staut sich. Eigentlich habe ich Lust, mich zu ihm auf den Boden zu legen. Mitsingen will ich nicht, ich würde die Hände in den Taschen behalten, in den Himmel starren und genießen, ein Hindernis zu sein. Doch ich steige über ihn hinweg, als müsste ich irgendwo hin. Ich mag diesen Teil der Friedrichstraße, in dem man sich vorkommt wie in einer richtigen Stadt. Hier kann man Menschen beobachten, die Verantwortung tragen und es eilig haben. Überall sonst in Berlin heißt Beobachten, Blicke unter Untätigen zu tauschen, aber auf diesen paar Hundert Metern wahre Stadt von der Spree in Richtung Süden findet man die besondere Ruhe, die entsteht, wenn man seine Langsamkeit gegen die Hast der anderen behauptet. Nur hier, und nicht sehr lange, denn bald kommen die Shopper, und deren Schlendern macht die Langsamkeit vulgär.
Bei Dussmann ragen zwischen den lesend geneigten Köpfen große Männer mit Anzug, Trenchcoat und Aktentasche hervor. Mit offen stehendem Mund und gespitzten Augen überblicken sie die Tische mit den Neuerscheinungen. Selbst wenn sie still stehen, weht ihr Mantel vor Eile. Über die Schultern der Leser hinweg greifen sie ein gebundenes Buch vom Stapel, wenden es hastig nach allen Seiten, so wie man Gemüse nach Druckstellen absucht, dann bezahlen sie mit Kreditkarte und lassen es als Geschenk verpacken.
Ich gehe zu den Regalen mit den Lebensratgebern. Niemand bleibt dort stehen, sie schielen nur im Vorbeigehen auf die Bücher. Stehenzubleiben hieße einzugestehen, dass man Probleme hat. Es reicht, ein Buch in die Hand zu nehmen oder einen Titel nur lange genug zu fixieren, schon ist man enttarnt: als Raucher, der nicht loskommt, als Jasager, der nicht Nein sagen kann, als Depressiver, als Impotenter. Ich bleibe gerne hier stehen und schaue mir die Bücher an. Nicht jene, die mir helfen könnten, sondern die anderen, die mir unverständlich sind. Ich glaube, die größte Wirkung könnten sie haben, wenn sie nicht heimlich zu Hause gelesen würden, sondern ganz offen in der U-Bahn. Man sähe jedem die größte Schwäche am Buchdeckel an und wäre nicht so allein mit seiner Unzulänglichkeit.
Ich gehe an der Spree entlang, da sitzen Kiffer mit dem ersten Joint des Tages und Büromenschen, die Pause machen, um ihre Erinnerungen an die Sonne aufzufrischen. Das Regierungsviertel besteht fast nur aus Glas und es scheint keine Zäune und Mauern zu brauchen, alles ist offen, der Zutritt nur versperrt von den Blicken der Wärmesensoren und Überwachungskameras. Schaut man von der Spreepromenade zum Kanzleramt auf, wirkt es still und tot, nur ab und zu hebt sich ein Schwarm Vögel in den leeren Himmel, als würde dort nur über einen Acker geherrscht, aus dem die Krähen Körner picken.
Ein gutes Stück weiter die Spree entlang lastet eine Brücke auf dem Fluss und zwängt die Promenade in einen Tunnel hinein. Dort sind vier Penner heimisch. Sie sind gerade nicht zu Hause, nur ihre vier Matratzen liegen mit dem Kopfende zur Wand, in gleichmäßigem Abstand zueinander wie in einem Vierbettzimmer. Am Kopfende der Matratze, dort wo neben dem Bett der Nachttisch stünde, lehnt je eine Plastiktüte mit ihrer Habe, nur geschützt von dem äußeren Anschein, das nichts weniger wert zu klauen ist. Auf der letzten Matratze scheint jemand zu liegen, aber bei näherem Hinsehen ist es nur eine zusammengerollte Decke, mit einer weiteren bedeckt, wie es der Held macht in alten Agentenfilmen, wenn er weiß, dass er im Schlaf erschossen werden soll.
Der klei