: John Barns
: Ich wurde nicht als Hure geboren, ich wurde zu einer gemacht - Mein Weg aus der lettischen Heimat ins deutsche Rotlicht - Biografischer Roman
: Verlag DeBehr
: 9783957534712
: 1
: CHF 4.40
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: Romanhafte Biographien
: German
: 346
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Meinen wahren Namen kennen nur wenige Menschen. Mein Künstlername hingegen war lange Zeit als Natalie in der Szene bekannt. Er war mein zweites Ich, meine Rüstung und mein Schutz, denn ich war ein Freudenmädchen, eine Prostituierte. Eine Frau, die ihren Körper für Geld verkaufte, eine Frau, die sich nach der grenzenlosen Freiheit sehnte und in der Hölle landete... Als die junge Natalie aus Lettland im Urlaub auf Menorca Herrmann kennenlernt, verliebt sie sich Hals über Kopf. Der smarte Deutsche umwirbt sie, verwöhnt sie, lädt sie zu sich nach München ein. Mit der Landung des Flugzeuges aus Vilnius beginnt für die junge Frau ein Alptraum. Sie ist nur eine von vielen Belogenen, die für die Arbeit in Bordellen mit falschen Versprechungen angelockt werden. Hilflos gerät Natalie in die Fänge des Rotlichts, das stets nach 'Frischfleisch' giert. Eine wahre Geschichte um Lügen, Gewalt, Unmenschlichkeit, aber auch Zusammenhalt, Hoffnung und Mut.

 

2. Kapitel: Menorca

Er hatte Natalie in München am Flughafen abgeholt. Für sie sollte es das große Wiedersehen werden. Nie hatte sie daran gedacht, dass ihr Freund ganz andere Absichten hatte. Auf dem Flug von Vilnius in Lettland nach München dachte sie darüber nach, wie er sie empfangen würde. Wie war das fremde Land, wo er Natalie erwartete? Sie hatte sich irrsinnig gefreut, als er sie ganz unverhofft anrief, um sich eine Fortsetzung des Urlaubsflirts zu wünschen, der damals auf Menorca begonnen hatte. „Möchtest du nach Deutschland kommen und einige Zeit bei mir bleiben?“, hatte er gefragt und Natalie hatte spontan zugesagt. „Ja, Hermann, ich würde ja gerne nach Deutschland reisen, aber leider kann ich mir nicht zweimal im Jahr eine Flugreise leisten.“

„Das ist kein Problem“, entgegnete er, „ich schicke dir das Ticket zu. Ich wünsche mir nur so sehr, dass ich dich endlich in meine Arme schließen kann. Also würdest du kommen, falls ich dir den Flug bezahle?“ In ihrer Naivität hatte Natalie zugestimmt und schon eine Woche später war tatsächlich der Flugschein eingetroffen. Dass es ein One-Way-Ticket war, hatte sie nicht besonders verwundert, sondern sie hatte eher daran gedacht, dass sie möglichst lange bei ihm bleiben und somit den Rückreisetermin nicht festlegen wollte. Nachdem das Flugticket eingetroffen war, erledigte Natalie so rasch sie nur konnte alle Formalitäten, um ein begrenztes Aufenthaltsvisum zu erhalten, das ihr erlaubte, drei Monate in Deutschland zu bleiben.

So saß Natalie, ehe sie sich versehen konnte, hier im Flugzeug. Kaum drei Stunden trennten sie von zwei Welten, der ihren und der ihres Freundes. Zwar hatte Natalie schon viel von dem Land, in das sie reiste, gehört, aber dort gewesen? Nein, dort gewesen war sie noch nie. Das Flugzeug wurde emporgehoben über die Wolken in den strahlend schönen Morgenhimmel. Hier, nahe der Sonne, verfiel sie in die Erinnerungen an den Beginn ihrer Freundschaft:

Es war am Strand auf Menorca gewesen. Zum ersten Mal machte Natalie Urlaub, ein Luxus, den sie sich überhaupt nicht leisten konnte, doch hatte sie hart gespart, um sich den Wunsch nach Freiheit erlauben zu können, so übermächtig und eindringlich schrie alles nach diesem Wunsch. Ursprünglich plante sie, auf die große Hauptinsel der Balearen zu fliegen, doch jetzt in der Ferienzeit gab es dort kein Quartier mehr. So hatte sich Natalie zu einem Kompromiss entschlossen und auf der Nachbarinsel an der Westküste ein Hotelzimmer gebucht. Ihre Heimat, Lettland, lag weit hinter ihr. Jetzt, wo man sich nach dem Zusammenbruch des Zwangsbündnisses der osteuropäischen Staaten, endlich frei bewegen konnte, verreisten viele ihrer Landsleute. Es war wie ein innerer Trieb, dem zu entkommen vergeblich war. Raus aus dem Alltag, raus aus dem Einerlei, hinein in die Freiheit. Die Seelen der Menschen schrien nach diesem neuen Gefühl und wer es sich erlauben konnte, gab ihm nach. So war es auch bei ihr. Natalie wollte Sonne, Meer und Freiheit, sie wollte lachen, sie wollte frei sein, und die Fesseln der Vergangenheit hinter sich lassen.

Kaum war sie im Hotel an der Westküste der Insel angekommen, zog es sie auch schon wieder hinaus. Das Meer lockte. Raschen Schritts eilte sie den Hinweisschildern „Calla Blanca“ folgend die Straße hinab. Kurz vor dem Ziel musste Natalie noch einen kleinen Weg überqueren, danach einige Stufen hinabgehen, bis zum warmen Sandstrand. Es war eine der für diese Insel typischen Buchten, eingerahmt vom wassergezeichneten Fels, regelrecht über Tausende von Jahren aus ihm herausgefräst. Wie eine Zu