2. Morgens auf der Weberhöhe
Früher konnte man nachts vom Weltraum aus genau erkennen, wo Belgien liegt, weil die Autobahnen des Landes durchgehend beleuchtet waren. Belgien sah im Dunkel der Welt aus wie ein Glutnest. Doch inzwischen haben sie das Straßenlicht aus Kostengründen abgeschaltet, und es gibt überall auf der Welt Glutnester. Die Erde funkelt in der Nacht, als leuchtete sie von innen und stünde kurz vor der Explosion. Sie dreht sich scheinbar knisternd und erglimmt und erlischt ständig, denn irgendwo auf der Welt ist immer gerade Abend oder Morgen, irgendwo geht gerade die Sonne auf und die Straßenlaternen schalten sich ebenso ab wie die Neonreklamen und die Haltestellenbeleuchtungen. Der Tag übernimmt das Kommando, die Wasserhähne werden aufgedreht, der Tau trocknet, die Katzen kommen heim, Kaffeemaschinen saugen Strom aus den Steckdosen, ebenso wie Haartrockner, Toaster und Herdplatten. Die Menschen ziehen Rollläden hoch oder Gardinen zur Seite, sie öffnen Fenster, um das Schlafzimmer zu lüften, sie streicheln Hunde und nehmen es mit dem neuen Tag auf, auch wenn der letzte nicht gut und der davor noch schlimmer war. Was bleibt ihnen auch anderes übrig?
Und wer kann schon wissen, was der Morgen bringt? Oder auch nicht bringt? Gewissheit? Eine neue Liebe? Ein Schreiben vom Anwalt, ein Grippevirus? Das ist das Schöne am Leben: Bei Tageslicht betrachtet, ist es niemals langweilig, selbst wenn nichts geschieht. Denn es besteht immer die Möglichkeit, es könnte etwas geschehen. Etwas Großes. Nur ein Schritt zu weit, eine letzte Mahnung, eine unüberlegte Antwort, ein bisschen zu wenig Mut oder ein Ideechen zu viel davon: und aus dem ereignislosen Tag wird ein apokalyptischer Irrsinn. Oder es ereignet sich der schönste Moment des Lebens. Ganz im Großen betrachtet, beginnt jeder Tag voraussetzungslos. Sie sind alle gleich. Die Sonne geht auf, es regnet, oder es schneit. Aber im Grunde startet jeder neue Tag mit derselben Chance.
Ob sie groß und vielversprechend ist, hängt allerdings sehr davon ab, wo man sich jeden Morgen befindet, wo man sich morgens die Zähne putzt. Auf dem Land, in der Stadt oder im Nichtsdergleichen, in der Zwischenwelt der Pendler.
Es gibt in einer Stadt wie München zwei Sorten von Bewohnern der sogenannten Stadtrandgebiete. Die einen haben es nicht nötig, in der Stadt zu wohnen – und die anderen können es sich nicht leisten. Die einen fahren später zur Arbeit als die anderen und benutzen dafür die Direktoren-Autobahn aus Richtung Garmisch. Die anderen kommen aus dem Westen, aus dem Norden oder dem Osten, viele mit dem Auto, die meisten aber mit den Öffentlichen. Sie pendeln und entvölkern tagsüber die Orte, an die sie abends müde zurückkehren.
Die Pendler gehören nicht direkt zur Stadtbevölkerung, sie leihen sich bloß die Stadt, um darin zu arbeiten. Oder umgekehrt. Pendler verleihen einem Ort keinerlei Glanz, sie tragen nicht zu seinem Ruf bei. Sie überfüllen bloß die S-Bahnen und in der Mittagspause die Strumpfabteilung bei Karstadt, wo sie schnell noch etwas besorgen. IhreSMS-Botschaften drehen sich um die Organisation eines Lebens, das manchmal fünfzig oder sechzig Kilometer von jenem Ort entfernt stattfindet, an dem sie die meiste Zeit ihres Daseins verbringen.
Je weiter das Bett von der Stadt entfernt steht, desto früher am Morgen schiebt sich die Zahnpasta wurmhaft auf die Bürste. Desto früher werden die Schulbrote geschmiert, die Staumeldungen gecheckt und onaniert. Und selbst wenn der Weg