: Adelia Saunders
: Die Worte, die das Leben schreibt Roman
: Wunderraum
: 9783641214197
: 1
: CHF 8.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 416
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Magdalena hat eine eigentümliche Gabe. Die junge Frau kann die Geschichten fremder Menschen auf deren Haut lesen: Wie bei einem Tattoo, das nur sie sehen kann, erscheinen ihr Namen, Ereignisse, banale und tragische Details - Botschaften, die das Leben selbst mit Geheimtinte notiert zu haben scheint. Als sie in Paris einem amerikanischen Studenten begegnet, erkennt sie ihren eigenen Namen auf dessen Wange. Aber welche Rolle sollte sie im Schicksal von Neil spielen? Oder in dem von dessen Vater? Eine rätselhafte Geschichte verbindet das Leben dieser drei Menschen - und die Liebe. Denn Neil ist von der jungen Frau mit den hellen Augen ganz hingerissen.

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Adelia Saunders ist in Durango, Colorado, aufgewachsen. Sie hat einen Magister in Internationalen Beziehungen der Georgetown University und einen Bachelor von der NYU Tisch School of the Arts. Sie unterrichtete Englisch in Paris, hat für eine unabhängige Nachrichtenagentur bei den Vereinten Nationen geschrieben und als Assistentin eines Agrarökonomen in Uganda gearbeitet. Adelia Saunders lebt heute mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in New York. 'Die Worte, die das Leben schreibt' ist ihr erster Roman.

RICHARD

Paris, Juni

Inga Beart verlor so vieles in Paris, dass es ihren Biografen gar nicht einfiel, ihre Schuhe zu erwähnen. Damals berichteten mehrere Zeitungen, sie sei barfüßig an Bord des Schiffes gegangen, das sie zurück nach New York bringen sollte. Es hieß, sie habe den helfenden Arm des Schiffsarztes zurückgewiesen und sei dann auf Zehenspitzen übers Deck getappt. Meines Wissens jedoch hat niemand je zu klären versucht, was eigentlich genau mit ihren Schuhen passiert ist. Sie waren rot, mit hohen, schmalen Absätzen, und Historiker meinen, während ihrer gesamten Karriere sei sie in der Öffentlichkeit kaum jemals ohne diese Schuhe gesehen worden. Als sie Frankreich 1954 verließ, waren ihre roten Schuhe einer ganzen Generation von Lesern ebenso bekannt wie die blassen Augen und tintenfleckigen Lippen auf dem Umschlagfoto oder die Art und Weise, wie sie noch der schlichtesten Phrase etwas Feines, etwas Lyrisches entlocken konnte.

Ich mache den Biografen keinen Vorwurf, dass sie ihren Füßen kaum Aufmerksamkeit gewidmet haben. Im Vergleich mit dem gewalttätigsten Ereignis in Inga Bearts kurzem Leben wird ihnen der Umstand, dass ihre Schuhe fehlten, wie ein geringfügiges Detail erschienen sein, und Gelehrte konzentrierten sich stattdessen auf die letzten Zeilen, die sie auf dem Schiff zurück nach Amerika geschrieben hatte – ein Geständnis, obwohl niemand es glauben mochte, in die Farbe ihrer Koje geritzt, mit einem Bleistiftstummel, den sie unter der Zunge versteckt hatte. Denn da war ihr alles andere natürlich längst genommen worden.

Von allen offenen Fragen, die in Bezug auf Inga Bearts letzte Monate geblieben sind, beschäftigt mich das Verschwinden ihrer roten Schuhe am meisten. Jahrelang hatte ich daran gedacht, nach Paris zu fahren, um vielleicht selbst herauszufinden, was damit passiert sein mochte, obwohl ich natürlich wusste, dass es so gut wie unmöglich wäre, knapp fünfzig Jahre später noch Hinweise auf das Schicksal eines Paars Schuhe zu finden. Ich hatte einige Historiker danach gefragt, doch die zuckten nur mit den Schultern oder musterten mich skeptisch – diesen alten Mann, der sich für ein Paar Pumps interessierte, die längst zu Staub zerfallen waren. Sie müssten wohl in Paris geblieben sein, erklärte man mir. Mit diesen Schuhen hätte sie ohnehin nichts mehr anfangen können, nachdem die Krankenschwestern ihre Sachen gepackt und sie auf den Heimweg geschickt hatten.

Damit könnten die Historiker Recht haben. Ich weiß über Inga Beart nicht mehr als alle anderen. Ich bin meiner Mutter nur ein einziges Mal begegnet, und als ich ihren Besuch datieren wollte, war niemand bereit, mir dabei zu helfen. Nicht nur Tante Cat, auch der Rest der Familie bestritt rundweg, dass dieser Besuch je stattgefunden hatte. Ich weiß nur, dass ich nicht älter als drei gewesen sein kann, denn an meinem vierten Geburtstag war sie schon in Paris, und als sie dann zurückkam, hätte natürlich niemand zugelassen, dass ich sie in ihrem Zustand zu sehen bekam.

Die Details jenes Tages, an dem sie mich besuchen kam, haben sich derart mit Szenen aus alten Filmen und Bruchstücken ihrer zahllosen Biografien vermischt, dass ich nicht mehr sicher sein kann, was damals tatsächlich passiert ist und was ich mir in meiner Fantasie später ausgemalt habe. Die Erinnerung ist zu detailliert für einen kleinen Jungen, das will ich gern zugeben, aber ich habe gelesen, dass die Erinnerung an scheinbar wahllose Informationen bei Kindern in diesem Alter manchmal bemerkenswert zutreffend ist