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Am Abend lehnte Paula Carter am Kopfbrett ihres Bettes und hatte ein iPad mini auf dem Schoß. Die gelegentlich von den Lachkonserven im Fernsehen übertönten Stimmen von Casey und Angela aus dem Wohnzimmer spendeten ihr Trost. Sie hatte mehrere Bücher über die soziale Wiedereingliederung von Strafgefangenen gelesen. Ursprünglich hatte Paula befürchtet, dass ihre Tochter, die schon immer sehr umtriebig und offen für alles Neue gewesen war, sich sofort wieder in das geschäftige Leben von New York City stürzen würde. Stattdessen hatte sie erfahren, dass es Menschen in Caseys Lage anfangs eher schwerfiel, sich das Ausmaß ihrer neuen Freiheit überhaupt bewusst zu machen.
Im Moment hielt sich Paula vorwiegend in ihrem Zimmer auf, damit sich Casey im ganzen Haus frei bewegen konnte und nicht das Gefühl haben musste, von ihrer Mutter unablässig umsorgt zu werden. Es tat Paula im Herzen weh, wenn sie nur daran dachte, dass schon der Weg vom Schlafzimmer ins Wohnzimmer und der uneingeschränkte Gebrauch der Fernbedienung ein Maß an Unabhängigkeit war, das ihre kluge, talentierte, willensstarke Tochter in den letzten fünfzehn Jahren nicht hatte genießen dürfen.
Sie war Angela sehr dankbar, dass sie sich den Tag freigenommen hatte. Die beiden Frauen waren Cousinen, Paula und ihrer Schwester Robin hatten ihre jeweiligen Töchter aber so erzogen, als wären sie Geschwister. Angelas Vater hatte nie eine Rolle gespielt, weshalb Frank für Angela eine Art Ersatzvater geworden war. Und dann, als Robin starb – Angela war gerade fünfzehn gewesen –, hatten Paula und Frank sie bei sich aufgenommen.
Angela und Casey standen sich so nah wie Schwestern, obwohl sie nicht unterschiedlicher hätten sein können. Beide waren sie schön, beide hatten strahlend blaue Augen, nur war Angela blond, während Casey brünette Haare hatte. Angela hatte die Größe und Statur des erfolgreichen Models, das sie früher gewesen war. Casey war schon immer die sportlichere gewesen und hatte an der Tufts-Universität in der Tennismannschaft gespielt. Während Angela das Studium sausen ließ, um in New York ihre Modelkarriere voranzutreiben und in das rege gesellschaftliche Leben einzutauchen, war Casey eine gewissenhafte Studentin gewesen und hatte sich diversen politischen und gesellschaftspolitischen Themen gewidmet. Angela war Republikanerin, Casey überzeugte Demokratin. Die Liste hätte sich beliebig fortsetzen lassen, dennoch standen sich die beiden sehr nah.
Paulas Blick fiel auf die Nachrichten, die sie auf dem iPad las. Nur zehn Stunden nach ihrer Entlassung war Casey schon wieder in den Schlagzeilen. Würde die öffentliche Aufmerksamkeit am Ende noch dazu führen, dass sie sich in ihrem Zimmer verschanzte und nicht mehr herauskam?
Oder, schlimmer noch, sie mitten hinein ins öffentliche Interesse katapultieren? Paula hatte an ihrer Tochter schon immer bewundert, dass sie sich – häufig auch lautstark – für das einsetzte, was sie als richtig empfand. Aber würde es jetzt nach Paula gehen, würde Casey ihren Namen ändern, ein neues Leben anfangen und Hunter Raleigh nie mehr erwähnen.
Wie erleichtert war sie gewesen, als sich Angela ebenfalls gegen Caseys Vorhaben ausgesprochen hatte, die Produzenten vonUnter Verdacht zu kontaktieren. Casey hatte das Thema, als sie in der Mall waren, erst mal ruhen lassen, aber Paula kannte ihre Tochter. Das letzte Wort war in d