Donnerstag, 12. Februar, 12.34 Uhr.
Erster Spatenstich für das Wohn- und Geschäftshaus Tauben- Ecke Glinkastraße, Berlin Mitte.
Der Phaeton rollte hinter der Kreuzung am rechten, frei gehaltenen Fahrbahnrand aus. Der Wind schleuderte Regentropfen an die Seitenscheiben und über den diamantschwarzen Lack. Sie perlten ab und sammelten sich zu kleinen Rinnsalen, die in nicht vorhersehbaren Linien kreuz und quer am Wagen hinunterliefen in den überfluteten Bordstein und in ein fast knöcheltiefes, straßenbreites Schlagloch.
Sieht immer noch aus wie nach dem Krieg hier, dachte er.
Der Mann im Fond des Wagens hatte die fünfzig bereits um einige Jahre überschritten, aber er hielt sich für eine bemerkenswert juvenile Erscheinung. Zumindest wurde ihm das oft genug signalisiert, um an Tagen wie diesen auch daran zu glauben. Die Haare trug er millimeterkurz, etwa so lang wie seinen Dreitagebart, den er mit Hingabe pflegte und der seinem prallen, fast faltenlosen Gesicht einen Hauch Verwegenheit verlieh, während er seine Kleidung in einer wohldosierten Mischung aus Eleganz und Understatement wählte. In den einschlägigen Bars und Nachtclubs der Stadt nahm er die interessierten Blicke der Frauen wie selbstverständlich zur Kenntnis, genauso selbstverständlich wie das Desinteresse seiner Gattin, die ihn noch ab und zu auf Veranstaltungen begleitete, wo ihr ein Mindestmaß an Zerstreuung geboten wurde oder doch wenigstens die Gelegenheit, einen adäquaten, sprich ebenso solventen Nachfolger für ihn zu finden. Da hier, in dieser Baugrube, bis auf ein paar mindestens ebenso fade wie schlecht bezahlte Beamte nur noch Angestellte, Arbeiter und ein paar Schaulustige zu erwarten waren, hatte Trixi es vorgezogen, in Hamburg zu bleiben und sich mit ihren ebenso frustrierten wie noch nicht geschiedenen Freundinnen zum Fünf-Uhr-Tee im Atlantic zu verabreden.
Er klappte den Kragen seines schwarzen Kaschmirmantels hoch und warf einen Blick durch die strömende Nässe auf den Bretterzaun gegenüber. Die Baustelle nahm das gesamte nordöstliche Areal Tauben- Ecke Glinkastraße ein. Es war die letzte Lücke in der goldenen Innenstadt, der Tusch auf das Finale des Hauptstadtbooms. In achtzehn Monaten würde sie geschlossen sein und Platz für 400 Büros, ein Dutzend Einzelhandelsgeschäfte und zwei Restaurants bieten. 1A Filetlage. Investitionssumme 23,4 Millionen. Zwei Dachterrassenwohnungen, eine hundertzwanzig, eine zweihundert Quadratmeter. Die Terrasse natürlich. Die zweihundert waren für ihn.
Die Bundesanstalt für Immobilienwesen, vertreten durch die Bundesanstalt für Bauwesen und Raumordnung, in großen Lettern stand es auf dem meterhohen Schild, das den Attacken der stürmischen Böen solide standhielt, direkt darunter dann sein Name.Projektmanagement: Fides Immo Invest Jürgen Vedder. Ausführung: Fides Bauträger Invest Jürgen Vedder. Noch über der Fachaufsicht, dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Der Ritterschlag. Bundesbauten im Portfolio, das war, als hätte der Staatsminister einen persönlich in die Arme genommen. Er lehnte sich zurück und atmete tief ein.
Schließ die Augen. Denk dran. Wie es angefangen hat. Und wo. Jetzt öffne sie