: Kimberley Freeman
: Sterne über dem Meer Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641226084
: 1
: CHF 11.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 512
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Als Victoria Camber das Büro ihrer kranken Mutter in Bristol ausräumt, bringt der Fund eines Briefes sie auf die Spur eines Familiengeheimnisses und der dramatischen Lebensgeschichte einer ihr unbekannten Frau. Nordengland 1874: Endlich ist Agnes Resolute volljährig und darf das Findelhaus, in dem sie aufgewachsen ist, verlassen. Vor ihrer Abreise erfährt sie, dass ihr als Baby ein Andenken mitgegeben wurde – ein Knopf mit einem Einhorn. Agnes glaubt zu wissen, wem der Knopf gehörte: Genevieve Breakby, der Tochter einer noblen Familie. Doch diese hat England mittlerweile Richtung Australien verlassen. Und so begibt sich Agnes auf Suche nach ihrer Mutter und eine ungewisse Reise ...

Unter dem Pseudonym Kimberley Freeman schreibt die mehrfach preisgekrönte Fantasy-Autorin Kim Wilkins große Frauensagas, für die sie unter anderem mit dem Lynne-Wilding-Award für populäre Unterhaltungsliteratur ausgezeichnet wurde. Kimberley Freeman, geboren in London, lebt heute mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Brisbane, Queensland.

GEGENWART

»Mum?«

»Sie ist noch ein bisschen verwirrt. Machen Sie sich keine Sorgen, wenn sie …«

»Mum?«, wiederhole ich mit ein wenig mehr Nachdruck, so wie ich früher manchmal als junges Mädchen mit ihr gesprochen habe, wenn ich leicht genervt war. Ich sehe meiner Mutter ins Gesicht, und sie erwidert meinen Blick, trotzdem scheint sich ein Schleier zwischen uns zu befinden. Auf der einen Seite die blassgrünen Krankenhauswände, die Schwester und ich. Auf der anderen meine Mutter, komplett durch den Wind.

Aber dann lüftet sich der Schleier endlich. »Victoria?«, sagt sie.

Ich lächle. »Ja, ich bin’s.« Sie ist die Einzige, die mich bei meinem vollen Vornamen nennt. Für alle anderen bin ich Tori – ein stinknormaler Null-acht-fünfzehn-Name. Sie hat mich nach einer Königin benannt. Aber ich bin keine Königin.

»Ich bin vor ein Auto gelaufen«, sagt sie – als Erklärung für die Abschürfungen in ihrem blassen, von leichten Falten durchzogenen Gesicht.

»Ich hab’s gehört.«

»Na ja, es hätte schlimmer ausgehen können. Ich habe mir ja nichts gebrochen.« Sie schnieft. »Aber deshalb bist du bestimmt nicht extra aus Australien hergekommen.«

Die Krankenschwester tätschelt ihren Oberschenkel. »Ich lasse Sie beide jetzt allein, in Ordnung, Mrs Camber?«

»Professor Camber«, korrigieren wir sie gleichzeitig in gereiztem Tonfall.

»Na, sieh mal einer an, wie schnell sich Ihr Gedächtnis plötzlich erholt«, sagt die Schwester und geht zur Tür. Sie klingt gar nicht nett. Ich dachte immer, Krankenschwestern wären grundsätzlich freundliche Menschen, aber allein schon, wie sie über meine Mutter gesprochen hat: »Die alte Madam« und »die dumme Nuss«, dabei ist Mum gerade mal siebzig und weder dumm noch sonst was.

Doch jetzt sind wir allein, und ich sehe sie wieder an. Sie sieht verängstigt aus, und ich spüre, wie sich ihre Furcht auf mich überträgt, und bekomme ein flaues Gefühl im Magen. Wovor hat sie Angst? Sollte ich vor etwas Angst haben? Ich zwinge mich zu einem Lächeln. »Tja«, sage ich.

Meine Mutter lächelt ebenfalls. Mein Lächeln scheint sie zu beruhigen. »Aber deshalb bist du bestimmt nicht extra aus Australien hergekommen«, sagt sie noch einmal – vielleicht als rhetorische Wendung oder bloß, weil sie schon wieder vergessen hat, dass sie das gerade gesagt hat.

»Wegen deinem Unfall? Nein, eigentlich nicht. Ich bin hier, weil ich …«

Sie starrt ins Leere. In ihrer Jugend war meine Mutter eine echte Schönheit, und wahre Schönheit vergeht nie. Zwar sind ihre Haare mittlerweile stahlgrau und ihre Wangen hohl, und um ihren Mund kräuseln sich zahllose Fältchen,