: Sarah Maine
: Jenseits des breiten Flusses Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641186944
: 1
: CHF 2.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 448
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Schottland 1893: Die 19jährige Evelyn Ballantyre macht sich auf, ihren Vater auf eine Reise nach Kanada zu begleiten. So kann sie die Grenzen des herrschaftlichen Anwesens hinter sich lassen, das für sie in den letzten Jahren eher ein Gefängnis als ein Zuhause war. Seit jener schicksalhaften Nacht, in der zwei Menschen starben, und ihr Jugendfreund, der Stallbursche James Douglas, der Tat beschuldigt fliehen musste. Doch als sie in der kanadischen Wildnis unverhofft auf James trifft, drängen die dunklen Geheimnisse der Vergangenheit an die Oberfläche. Und Evelyn muss sich entscheiden, wo ihre Zukunft liegt …

Sarah Maine wurde in England geboren, wuchs dann aber in Kanada auf, bis sie in ihre Heimat zurückkehrte, um Architektur zu studieren. Schon als Kind lernte sie die einzigartige Schönheit Schottlands lieben, wenn sie dort mit ihren Eltern Urlaub machte, eine Tradition, die sie heute mit ihrer Familie fortführt. Sarah Maine lebt in York im Nordosten Englands.

Eins

Columbian Exposition, Weltausstellung, Chicago, 1893

Alle paar Minuten durchschnitt ein riesiger Lichtstrahl den Nachthimmel über der White City so grell, dass die Vögel auf den dunklen Wellen des Sees erschraken. Er erhellte den eleganten Bug von Mr Larsens JachtWalküre, die dort vor Anker lag, und ließ den Rumpf erglänzen. Nun erreichte er Evelyn Ballantyre, die, über die Backbordreling gebeugt, auf die schartigen Spiegelungen hinunterschaute. Sie begann, die Sekunden zu zählen. Eins, zwei, drei – als der Strahl sich entfernte, hob sie den Kopf und folgte ihm mit dem Blick über den Pier, der sich etwa einhundert Meter entfernt befand. Dort erhellte er die Promenade mit ihren Ständen und Buden, die bereits geschlossen waren, bevor er wieder hinaufwanderte und die Silhouetten klassischer Kuppeln und Kolonnaden beleuchtete.

Die White City, die Weiße Stadt …

Kurz streifte der Strahl das Achterdeck, wo Evelyns Vater und ihr Gastgeber Mr Larsen unter dem gestreiften Sonnensegel in Abendkleidung auf den Beginn des Festes warteten.

»Alles in Ordnung, Liebes?«, erkundigte sich ihr Vater. Sie nickte und wandte sich erneut dem See zu. Zuvor hatte sie ihnen Gesellschaft geleistet, war dann aber mit einem Lächeln aufgestanden, das keinem der Männer auffiel, um zur Reling hinüberzuschlendern und das Schauspiel mitzuverfolgen, wie Elekrizität das Ufer verwandelte. Das Gespräch der beiden hatte sich wie immer hauptsächlich um aktuelle Zeitungsartikel gedreht, in denen nun tagtäglich die Rede war von Bankrotten und Selbstmorden. Was gab es darüber noch Neues zu sagen?, fragte sich Evelyn.

Sie betrachtete stirnrunzelnd die Spitzen ihrer paillettenbesetzten Schuhe. Es handelte sich um ein neues, ausgesprochen teures Paar, das sie bei einem kurzen Einkaufsbummel während eines Landgangs in New York auf dem Weg nach Chicago erworben hatte. Die Pailletten funkelten, als der Lichtstrahl sie erfasste, Glanz ohne jegliche Substanz.

Die White City. Die Bezeichnung hatte sie in Schottland das erste Mal gehört und sich einen geheimnisvoll-magischen Ort vorgestellt. Die Stadt, die sie nun mit eigenen Augen sah, wurde tatsächlich ihren Erwartungen gerecht. Doch an der lauten Machinery Hall, der Maschinenhalle, in der sie den Vormittag verbracht hatten, war für sie nichts Ätherisches oder Magisches gewesen, und auch nicht am Mines and Mining Building, dem Gebäude, das sich Minen und Bergbau widmete und das sie am Nachmittag aufsuchten. Ihr Vater hingegen war natürlich von beiden Hallen fasziniert gewesen und hatte sich über Kosten und mögliche Gewinne erkundigt, während sie die außergewöhnliche Kleidung der wenigen Frauen betrachtete, die wie sie die Männer begleiteten.

Mr Larsen hatte im Salon der Jacht Reiseführer und Programme