Erst jetzt bemerkte ich die vielen anderen Kleider, die auch da waren, und ihre bewundernden Blicke. Sie applaudierten und ließen mich hochleben. Es ist so wichtig, willkommen geheißen zu werden!
Veronika war ein Abendmantel. Ein bestickter Traum aus Samt und Seide. Als sie Samt sagte, spürte ich gleich, wie begeistert sie von sich war. Sie sagte: »Ya, prekrasno«, was so etwas wie »ach, ich bin wunderbar« auf Russisch bedeutet. Und das war sie auch. Schwarz wie die Nacht, ein Seidensamt mit einem cremefarbenen Futter, über und über bestickt mit kleinen Glasperlen in Grau und zimtfarbenen Kristallen.
»Ich bin zur Reparatur hier«, sagte sie, »ein Irrer ist mir auf die Schleppe getreten.« Bevor ich die anderen im Raum richtig wahrnehmen und begrüßen konnte, erwartete sie meine ganze Aufmerksamkeit.
»Nicht dass du jetzt denkst, ich wäre nicht mehr modern, Kleines«, flüsterte sie mir zu. »Weißt du«, sagte sie, »Couture«, und jetzt wurde ihre Stimme lauter, damit sie auch bis in den letzten Winkel des Ateliers verstanden werden konnte, »ist etwas Besonderes,ich bin etwas Besonderes.«
Als ein aufgeregtes Raunen durch den Raum ging, wurde sie für einen kleinen Moment nachdenklich, und ihre Ärmel hingen für einen Wimpernschlag etwas müde an ihr herunter. »Ja«, sagte sie dann mit großer Geste, »es ist nicht immer leicht, ein textiler Traum zu sein, mein liebes Kind.«
Ich sagte so etwas wie: »Ach ja, und ist ja sicher auch nicht einfach mit defekter Schleppe«, obwohl ich nicht einmal genau wusste, was eine Schleppe war.
Veronika konnte anscheinend zwischen meinen Fasern lesen und drückte wohlwollend ihr Gesticktes an meine Seite. »Kleines«, sagte sie, »du musst noch so einiges lernen, ich kann nur hoffen, dass du in einem guten Kleiderschrank ein Zuhause findest.«
Ein Zuhause, dachte ich, aber ist mein Zuhause denn nicht hier?
»Und glaube mir«, sagte Veronika noch, »bei mir zu Hause ist kein Patz für dich. Ich bin eine schmale Größe 36«, und dabei erhob sie ihre Stimme zu einem Krächzen. »Du bist locker eine 40! Hübsch, aber dick. Ja«, sagte sie, »wie gut, dass du mich bei deiner Geburt an der Seite hattest, es hätte nicht jeder gleich die Wahrheit gesagt.« Dann zuckte ihr ganzes Gewebe vor Glück, dass ihre Kristalle nur so klimperten.
Sie erzählte mir von all den Kleidern und Hosen, den Röcken und Abendkleidern, die sie bereits getroffen hatte, um dann unvermittelt etwas leiser zu werden. »Weißt du«, sagte sie mit etwas Wehmut in der Stimme, »dass wir von der gleichen Hand geschaffen sind, ist etwas Besonderes, wir Russinnen sind immer etwas eleganter als der Rest. Wir lassen uns einfach besser tragen. Sage aber bloß den Parisern nichts, die sind doch so von sich eingenommen. Ich kenne ein Chanel-Kostüm, das sich so darüber geärgert hat, dass es nicht mehr getragen wurde, dass es anfing, selbst seine Fasern zu zerstören. Es ist böse mit ihm ausgegangen. Es wurde entsorgt und von Motten zerfressen«, sagte sie mit pikierter Stimme. Und dann wieder etwas nachdenklicher: »Übrigens wird uns Russinnen auch immer der Hang zur Melancholie nachgesagt. Ich glaube nicht, dass wir trauriger und gedankenverlorener sind als der Rest der Welt. Vielleicht hat es mit dem Licht zu tun, das in unserem La