Fort Oglethorpe, Georgia, USA
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Ein warmer Wind strich über die Straße und wirbelte Staub und Schmutz auf, bog die in der Hitze verdorrten Halme eines Unkrauts am Wegesrand. Er trieb Sandkörner in Gerrits Augen, schien beim Einatmen seine Lunge zu verkleben und kroch unter die Kleidung, um auf seiner Haut zu kratzen. Die vergangenen drei Jahre hatte er mehr mit dem Wetter gekämpft als mit den Unannehmlichkeiten der Internierung. Doch als er jetzt auf eine Mitfahrgelegenheit wartete, die ihn zum nächstgelegenen Bahnhof nach Chattanooga auf der anderen Seite des Tennessee River bringen sollte, empfand er die Brise und ihre Begleiterscheinungen seltsamerweise als angenehm. Sie waren ein Beweis dafür, dass er die Haft bei relativ guter Gesundheit überstanden hatte, dass er stark und mutig war – und dass er lebte.
Die Sommer in den Südstaaten waren lang und heiß. Da sich auf dem Gelände des Camps kein einziger Baum befand, gab es auch keinen Schatten. Anfangs war es Gerrit von Voss würdelos erschienen, aber nach einer Weile war er wie die meisten seiner Mitgefangenen unter die auf Pfählen erbauten Baracken gekrochen, um den einzig möglichen Schutz vor der sengenden Sonne zu finden. Er lernte es als Wohltat zu schätzen, obgleich als kurze, denn natürlich war die Zeit, über die er frei verfügen konnte, begrenzt. Dennoch genoss er mehr Vorteile als die meisten anderen Gefangenen.
Er wusste nicht genau, welcher glückliche Umstand ihn in die Abteilung A des Lagers gebracht hatte. Vielleicht half ihm eine Verwechslung, möglicherweise war auch das Adelsprädikat für die Unterbringung verantwortlich. Einen anderen Grund konnte es nicht für das Privileg geben, seine Kameraden in Block A verfügten ansonsten in der Regel über eine deutlich höhere Reputation als er: Der Dirigent des Philharmonischen Orchesters in Boston, Karl Muck, war ebenso darunter wie eine Reihe renommierter Wissenschaftler aus dem Deutschen und dem Habsburgerreich, die an amerikanischen Universitäten gelehrt hatten, darüber hinaus die Leiter von Unternehmensniederlassungen aus der Heimat. Fünfundzwanzig Mann teilten sich eine Baracke. Man musste sich selbst verpflegen, was gar nicht so schlecht war, denn zu den Insassen gehörten auch Chefköche des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerika-Linie; auf Letzterer hatte Gerrit damals seine Überfahrt gebucht. Er arbeitete in der Tischlerei und in der Schmiede und schickte täglich ein Dankgebet in den Himmel, weil er nicht auf den nahen Feldern eingesetzt wurde, um Baumwolle zu pflücken. Diese und andere schwere Arbeiten oblagen den Bewohnern von Lager B. Die Männer dort wurden häufiger krank, litten an Darminfektionen, Nierenstörungen, Rheumatismus oder bekamen Malaria, als hätten sie zu den Schutztruppen in den afrikanischen Kolonien gehört. Gerrit erkundigte sich und erfuhr, dass Fort Oglethorpe auf dem Breitengrad von Marokko lag. Zumindest hatte er nun eine Erklärung für das Wetter.
Bereits ein Jahr vor seiner Verhaftung war er von der Polizei verhört word