KAPITEL 1
Lady Celia Lytton hatte im Laufe ihres langen Lebens schon mehrfach an der Schwelle des Todes gestanden. Natürlich nicht immer im wahrsten Sinne des Wortes, obwohl der Sensenmann sie bei einigen Gelegenheiten eindeutig ins Visier genommen zu haben schien. Allerdings war sie oft genug totgesagt worden. Für Letzteres gab es kein eindringlicheres Beispiel als den Frühlingstag im Jahr 1953, dem Krönungsjahr, als sie nicht nur ihre Verlobung mit ihrer alten Flamme Lord Arden, sondern auch ihren Rückzug aus dem Verlagshaus Lyttons ankündigte. Prompt schlussfolgerte der Großteil der Londoner Literaturwelt, sie befände sich (bestenfalls) im Anfangsstadium einer tödlichen Krankheit. Zur Mittagszeit erhob man seine Gläser mit Gin Tonic, Martini oder Champagner, gedachte ihrer Spritzigkeit und verlieh seinem großen Bedauern darüber Ausdruck, dass ein Leben, das Literatur und Kultur fast fünf Jahrzehnte lang derart bereichert hatte, nun sein Ende finden sollte. Anschließend wurde darüber gemutmaßt, was wohl auf ihrem Totenschein stehen und wer genau in ihre stets von eleganten Schuhen hinterlassenen Fußstapfen treten würde.
Diese Gerüchte kamen nicht sehr überraschend. Celia Lytton hatte der Öffentlichkeit gegenüber immer mit dem Brustton der Überzeugung geäußert, nur der Tod könne sie von ihrem Lytton-Verlag, der wahrhaft größten Liebe ihres Lebens, trennen.
Und wirklich verkörperte sie für die meisten Menschen Lyttons; sie repräsentierte den Verlag mit ihrem scharfen, kreativen Verstand, ihrem unfehlbaren literarischen Instinkt, ihrem einzigartigen Stil und ihrem zielsicheren Geschmack. Das war schon so gewesen, als sie vor knapp fünfzig Jahren als sehr junges Mädchen in das Unternehmen eingetreten war; doch seit dem Tod ihres Mannes Oliver Lytton vor einem Jahr war sie der Lebensmotor des Hauses geworden. Die jüngere Generation mochte Anteile besitzen, sich leidenschaftlich engagieren, ihre Fähigkeiten, Talente und jede Menge Fleiß einbringen – dennoch wurde kein wichtiger Titel erworben oder publiziert, kein neuer gestalterischer Weg beschritten, keine finanzielle Investition getätigt und kein leitender Mitarbeiter eingestellt, ohne dass Celia dazu ihr Plazet gegeben hätte.
Nicht einmal die organisatorische Herausforderung, die es bedeutete, sich bei allen einschneidenden Veränderungen die Zustimmung von Lyttons New York einzuholen, hatte an ihrem Führungsanspruch, an dem alles abperlte, kratzen können. »Ich kann mir die Meinung von denen – bessergesagt von ihr – durchaus vorstellen«, lautete ihre Antwort, wenn jemand das Thema aufs Tapet brachte, und natürlich hatte sie absolut recht. Dafür gab es, wie al