2.
Nie wurde es still in dem großen Haus. Mal knackte irgendwo das verzogene Holz einer Stiege, dann wieder schrie draußen ein Nachtvogel. Früher hatten ihn diese Geräusche gestört. Doch seit Wilhelm Herders Ohren langsam aber sicher ihren Dienst einstellten, vermisste er sie. Er lauschte. Aber entweder schliefen die Vögel und das Haus auch, oder er war auf dem besten Weg, völlig taub zu werden.
Mit einem leisen Seufzen setzte er den Füllfederhalter wieder an und schrieb die letzten Worte. Im Vollbesitz meiner körperlichen und geistigen Kräfte, Lüneburg, den …
Na, das mit den körperlichen Kräften war heillos übertrieben. Er hoffte, dass sein Notar sie in Relation zu seinem Alter setzte: 93 Jahre. Fast ein Jahrhundertleben …
Er legte den Füller ab und lehnte sich zurück. Das Holz des alten Stuhls knarrte leise. Das konnte er hören, also war es tatsächlich sehr still um ihn herum geworden. Er liebte die späte Stunde. Alles schlief, die Welt da draußen schloss die Augen. Niemanden interessierte es, ob er um Mitternacht oder um vier Uhr morgens das Licht löschte. Keiner störte ihn. Er war mit sich allein, umgeben von Büchern und Erinnerungen.
Immer öfter glitten dann seine Gedanken zurück in frühere Zeiten. Zeiten, in denen das Haus und die Fabrik noch eine Einheit gewesen waren und die Eingangstür offen gestanden hatte für Mitarbeiter und Freunde. Die Abendgesellschaften waren groß und glanzvoll gewesen, und oft war er als kleiner Junge durch den Kellergang hinübergelaufen in die Manufaktur und hatte staunend vor den großen Maschinen gestanden, die ohrenbetäubend laut arbeiteten. Oder er hatte in die Kupferkessel mit dem brodelnden Zucker gelinst, bis der Meister ihn vertrieb. Da war das wuchtige Dreiwalzwerk, mit dem Zucker, Milchpulver und Kakao vermahlen wurden. Oder der Conchensaal, wo tagelang die dicke, glänzende Schokoladenmasse unter einer Granitwalze veredelt wurde. Rudolph Lindt hatte den Längsreiber erfunden, mit dem sie stundenlang bewegt wurde – dunkel, träge fließend und so betörend duftend, dass er bis heute den Geruch von Kakao weniger mit fremden, exotischen Ländern verband, sondern vielmehr mit der alten Halle. Der Nougat wurde mit dem Melangeur verarbeitet. Die Fondantmaschine machte aus Zucker eine halbelastische Masse, die anschließend in Förmchen gedrückt wurde. Kleine Osterhasen, Weihnachtsengel oder … Ja, sogar ein Nashorn war darunter gewesen.
Irgendwo standen die Aluminiumformen noch herum. Warum verwendete man sie nicht wieder? Die Leute liebten das. In Berlin arbeitete ein Konditor bis heute mit den Originalen aus den Zwanzigerjahren. Kleine Mäuse aus Schaumzucker mit schwarzen Knopfaugen, die noch mit Handarbeit aufgetupft wurden … Aseli hieß die Firma, er erinnerte sich an eine Messe in Breslau, wo er an der Hand des Vaters durch die Hallen gegangen war und sich sofort in diese Mäuse verliebt hatte (am liebsten hätte er ihnen allen die Schwänze abgebissen und die Äuglein weggeknuspert). Aber die Herders arbeiteten nicht mit Schaumzucker, sondern mit Schokolade. Der Pralinensaal – ein Paradies! Die Frauen hatten ihn rundgefüttert mit Walnussmarzipan und Nougat-Ganache und Buttersahnetrüffeln und Katzenzungen. Als seine Mutter dahintergekommen war, dass auch die eine oder andere Weinbrandbohne darunter gewesen war, hatte es ein Donnerwetter gegeben!
Noch heute konnte er das Lachen und Schwatzen der Frauen hören, die in Schürze