Erstes Kapitel
Wie konnte Mindi sich bloß eine arrangierte Ehewünschen?
Fassungslos starrte Nikki auf das Profil, das ihre Schwester an ihre Mail angehängt hatte. Darin eine Liste vermeintlich relevanter Details aus ihrem Lebenslauf: Name, Alter, Größe, Religionszugehörigkeit, Ernährungsweise (vegetarisch, bis auf die gelegentliche Portion Fish ’n Chips). Allgemeine Vorlieben bezüglich des Zukünftigen: intelligent, einfühlsam und liebenswürdig, mit soliden Wertvorstellungen und Prinzipien und einem netten Lächeln. Sowohl rasierte Männer als auch Turbanträger kamen als potenzielle Kandidaten in Frage, solange Bart und Haare penibel gepflegt waren. Der ideale Ehemann sollte einen sicheren Job und bis zu drei Hobbys haben, die ihn geistig wie körperlich auslasteten.In gewisser Weise, schrieb sie,sollte er sein wie ich: anständig (prüde, wenn man Nikki fragte),sparsam (eine nette Umschreibung für knauserig)und familienfreundlich (sprich, sollte augenblicklich Kinder wollen). Und zu allem Überfluss klang die Überschrift dieses abgeschmackten Textes auch noch wie eine billige Gewürzmischung aus dem Supermarkt:Mindi Grewal, Westöstliche Melange.
Der schmale Flur zwischen Nikkis Schlafzimmer und der offenen Singleküche mit den unebenen Bodendielen, die schon bei der leichtesten Belastung in den verschiedensten Tonhöhen quietschten und knarzten, eignete sich nicht unbedingt zum nachdenklichen Im-Kreis-Laufen. Trotzdem tigerte Nikki nun dort auf und ab wie ein Raubtier im Käfig und versuchte, mit jedem ihrer Schritte die widerstrebenden Gedanken zu ordnen. Was dachte sich ihre Schwester bloß dabei? Gut, Mindi war immer schon ziemlich konservativ und traditionsbewusst gewesen – einmal hatte Nikki ihre Schwester tatsächlich dabei erwischt, wie sie sich auf YouTube ein Video mit der Anleitung zum Ausrollen perfekter Rotis* anschaute – aber eine Hochzeitsanzeige aufgeben? Das war doch echt etwasextrem.
Nikki versuchte mehrfach, Mindi anzurufen, aber jedes Mal ging gleich die Mailbox ran. Als ihre Schwester schließlich doch antwortete, verschluckte der dichte graue Abendnebel schon langsam das Tageslicht, und für Nikki war bald Schichtbeginn im O’Reilly’s.
»Ich weiß, was du sagen willst«, sagte Mindi.
»Kannst du dir das wirklich vorstellen, Mindi?«, fragte Nikki. »Kannst du dir das allen Ernstes vorstellen?«
»Ja.«
»Dann bist du vollkommen verrückt.«
»Das ist meine freie Entscheidung. Ich möchte auf die traditionelle Art einen Ehemann finden.«
»Warum?«
»Weil ich das so möchte.«
»Warum?«
»Ist einfach so.«
»Du musst dir schon einen besseren Grund einfallen lassen, wenn ich dein Profil aufhübschen soll.«