: Kristina Fisser
: Dachschaden kann man nicht versichern Die wunderbare Welt unserer Psyche
: Goldmann Verlag
: 9783641210496
: 1
: CHF 8.00
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 272
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Jeden Abend ein Gläschen Wein? Schon wieder prokrastiniert und eine wichtige Aufgabe vor sich hergeschoben? Oder beim Streit mit dem Nachbarn zu einem kleinen Tobsuchtsanfall hinreißen lassen? Wir alle fragen uns manchmal: Ist das noch normal oder bin in ich nicht ganz richtig im Kopf? Kristina Fisser erklärt auf humorvolle Weise, warum es nichts Ungewöhnliches ist, ein bisschen „verrückt“ zu sein, wie wir unsere kleinen Dachschäden in den Griff kriegen und ab wann wir uns wirklich Gedanken über unsere geistige Gesundheit machen sollten.

Kristina Fisser, geboren 1987, hat Psychologie studiert und arbeitet seit mehreren Jahren unter anderem mit Borderline-Patienten, Depressiven, Angsterkrankten und auch frischgebackenen Mamas mit psychischen Problemen, seit 2018 in eigener Praxis.

Vorweg: Es ist normal, nicht normal zu sein

2002, ein Schulhof in der Oberpfalz. Ich sitze mit einer Freundin in der Sonne, und sie macht Witze über unsere Schulkameraden. Dann schaut sie mich an. »Weißt du, Kristina, manchmal denke ich, wir sind die zwei einzigen Normalen hier.«

Seit dieser Szene sind über 15 Jahre vergangen, doch ein Gedanke, der mir damals bei den Worten meiner Freundin durch den Kopf ging, ist bei mir hängen geblieben: Sind wir wirklich normal? Vielleicht sind ja nicht die anderen die Durchgeknallten, sondern wir? Gedanken einer 15-Jährigen, wie sie typisch sind für die pubertäre Suche nach der eigenen Identität – und doch ist an dieser Frage etwas dran:

Was ist eigentlich normal?

Inzwischen konnte ich einiges an Lebenserfahrung sammeln. Ich habe Psychologie studiert und eine fünfjährige Ausbildung zur Verhaltenstherapeutin erfolgreich mit der Approbation zu Ende gebracht. In verschiedenen Kliniken habe ich so einige psychisch Kranke in Gruppen- und Einzeltherapie betreut und tue das nun auch in meiner eigenen Praxis. Der Antwort auf die Frage »Was ist eigentlich normal?« bin ich dabei jedoch nicht wirklich näher gekommen.

Vielleicht können wir es ja gemeinsam herausfinden. Machen wir doch die Probe aufs Exempel:

Sabrina ist chipssüchtig. Sie liebt das Rascheln einer prall gefüllten Tüte. Das salzige Knuspern der Chips. Das Gefühl auf der Zunge, wenn sie über die geriffelte Oberfläche fährt. Weil sie weiß, dass man nicht jeden Tag Chips essen sollte, erlaubt sie sich jeden Donnerstagabend eine Tüte, während sieGermany’s Next Topmodel anschaut. Die kauft sie – Vorfreude ist schließlich die schönste Freude – bereits am Dienstag. Und manchmal isst sie sie dann schon am Mittwoch auf. Dann kauft Sabrina eben noch eine Tüte.

Peter ist langweilig. Nicht am Sonntag. Nicht am Feierabend. Nein, im Büro. Er hat einfach nicht genug zu tun. Und das schon seit einiger Zeit. Genauer gesagt seit drei Jahren. Am Anfang hat er sich nicht getraut, das anzusprechen. Und jetzt ist es irgendwie auch zu spät. Wenn er an seinem Schreibtisch sitzt und vor sich hin starrt, stellt er sich vor, wie er aus dem Fenster springt und sich sein Blut unten auf dem Gehweg in tausend kleinen Rinnsalen verzweigt. Er hat mit seinen Kumpels über die Langeweile gesprochen, die ihn so quält. Sie sagen, er soll sich nicht so anstellen und lieber froh sein, dass er ein bisschen chillen kann.

Anna wird bald heiraten. Es soll der schönste Tag ihres Lebens werden. Deshalb will sie auch so schön sein wie nie zuvor – das heißt, so schlank wie nie zuvor. Weil die Crashdiät nicht wirklich gefruchtet hat, nimmt Anna nun seit vier Wochen Abführmi