Kapitel 1 - Rautgundis’ Geschichte
Gegeben zu Frauenwörth, X Martius MCDLV anno domini. Ehrwürdiger Bischof Tulbeck, erlauchte Eminenz, ich, Rautgundis zu Engelshofen, wende mich in allerhöchster Not und tiefster Reue an Euch. Ich habe eine schwere Sünde begangen, trotzdem erhoffe ich Eure Vergebung und flehe Euch um Hilfe an. Ich habe mich zu einer unseligen Leidenschaft mit dem Domprobst Hartwig von Redern hinreißen lassen. Aus dieser Verbindung ist ein Kind hervorgegangen, daraufhin sagte sich Hartwig von Redern von mir los. Als meine Tochter das Licht der Welt erblickte, war sie unstrittig als sein Kind zu erkennen. Seit ihm dies zu Ohren gekommen ist, hat er bereits zwei Anschläge auf mein Leben und das meines Kindes unternehmen lassen. Gnädige Eminenz, ich bitte Euch inständig, bringt Hartwig von Redern zur Besinnung, haltet Eure schützende Hand über das unschuldige Leben meines Kindes. Falls mir etwas zustoßen sollte, ist für meine Tochter gesorgt. Mein Sohn aus der Ehe mit Graf Martin zu Engelshofen, meinem verstorbenen Gatten, befindet sich in Vorbereitung seiner geistlichen Laufbahn im Kloster zu Freysing. Für ihn wird gesorgt sein. Eminenz, erbarmt Euch Eurer unwürdigen Dienerin.
In Demut und voll Scham werfe ich mich vor Euch in den Staub und hoffe inständig auf Eure Hilfe.
Eure untertänigste Dienerin Gräfin Rautgundis zu Engelshofen.«
Zögerlich setzte Rautgundis ihre Unterschrift unter das Schreiben. Ihre Hand begann zu zittern, der Federkiel entglitt ihren eiskalten Fingern. Tinte kleckste auf das Schreibpult, rann über das blankgescheuerte Holz. Im Kerzenschein glich das Rinnsal einer dünnen Blutspur. Mit fahrigen Bewegungen streute sie Sand auf die nassen Schriftzüge, erhitzte Wachs und versiegelte das Schreiben. War sie verfolgt worden? Ob sie einem Boten vertrauen konnte? Würde dieser ihr Schreiben an Bischof Johannes Tulbeck überbringen, oder würde auch er sich kaufen lassen und das Dokument unverzüglich ihrem Peiniger übergeben? Sie begann in der engen Klosterzelle auf und ab zu gehen. Der Säugling greinte leise. Sie beugte sich über das Bettchen, musterte kummervoll das Gesicht des Kindes.
»Schschsch«, machte sie geistesabwesend und nahm ihren ruhelosen Gang wieder auf. Tränen der Verzweiflung rannen über ihre Wangen. Wie konnte der Mann, der einst behauptete in Liebe zu ihr entbrannt zu sein, derart grausam handeln? Rautgundis war hingerissen gewesen von den Aufmerksamkeiten, die er ihr zu Teil hatte werden lassen, und von seiner stolzen Erscheinung. Sein Äußeres und seine Haltung ließen auf den ersten Blick den hohen katholischen Würdenträger erkennen und er hatte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf sie ausgeübt. Es war nicht ungewöhnlich, dass Kirchenmänner Mätressen hatten, und es geschah ebenso oft, dass aus diesen Liebschaften Kinder hervorgingen. Niemals würde sie sein Mienenspiel vergessen, als sie ihm bebend vor Aufregung mitgeteilt hatte, dass sie sein Kind unter dem Herzen trug. Für den Bruchteil eines Augenblicks hatte sich sein Gesicht in unbändigem Zorn verzerrt, bevor sich eine glatte Maske darüber legte und er ihr die unglaublichen Worte ins Gesicht schleuderte.
»Ich habe mir nicht umsonst meine Stelle als protegierter Kleriker erkämpft. Ich wünsche Euch und Eurer zukünftigen Familie viel Glück. Dem Vater meine Empfehlung. Geht jetzt, ich habe zu tun.«
Wie betäubt hatte sie sein Gemach verlassen, war einer Schlafwandlerin gleich in eine Mietsänfte gestiegen und hatte sich nach Hause bringen lassen. Das herrschaftliche Haus, das ihr Vater vor Kurzem als Stadtsitz für die Familie erworben hatte, war nicht weit entfernt, aber ihre Füße hätten sie nicht bis dorthin getragen. Im Halbdunkel der Sänfte dröhnte Hartwigs Stimme unablässig in ihrem Kopf. Ihre heimlichen Träume waren mit wenigen Worten zerschmettert worden, sie stand vor dem Nichts.
Die Kirchenglocken riefen die Nonnen zur Vesper und holten sie in die Wirklichkeit der kalten Zelle zurück. Vor dem schmucklosen, hölzernen Kreuz hie