1. KAPITEL
„Jonathan will dich sehen.“
Miranda schreckte aus ihrem Tagtraum auf, in dem sie mit ihrem Boss, Jonathan Vanguard, bei Kerzenschein in einem romantischen Restaurant am Meer saß und er ihr seine Liebe gestand, während er ihr tief in die Augen blickte.
Sie wusste nicht, wie oft sie sich diese oder eine ähnliche Szene in den letzten Jahren schon ausgemalt hatte, aber es verging kaum eine Stunde, in der sie nicht an ihn dachte.
Doch anstatt bei einem schönen Dinner saß sie gerade in ihrem kleinen Abteil mitten im Großraumbüro, während Jonathan sich in seinem Einzelbüro am Fenster aufhielt. Wenn sie über die Trennwand schaute, konnte sie ihn durch die Glastür an seinem Schreibtisch sitzen sehen.
An ihrem allerersten Tag in der Bank war sie seinem Team zugeteilt worden. Obwohl die Arbeit eintönig war – sie waren für die Abrechnungen zuständig –, war es Miranda niemals in den Sinn gekommen, sich einen anderen Job zu suchen oder sich innerhalb der Bank auf eine interessantere oder besser dotierte Stelle zu bewerben.
Stattdessen lebte sie dafür, dass Jonathan sie morgens mit einem Lächeln begrüßte. Er sah so gut aus, dass es Miranda fast das Herz brach: hellblonde Haare, die er in einer modischen Frisur trug, hellgraue Augen, schlank und groß. Er war immer perfekt gekleidet in hellgrauen Anzügen, die zur Farbe seiner Augen passten. Nur die Krawatte variierte er von Tag zu Tag. Anfangs hatte sie versucht, zu erraten, ob die Wahl seiner Krawatten etwas mit seiner Stimmung zu tun haben könnte, aber Jonathan lächelte sie jeden Tag gleich freundlich an.
Sie und alle anderen Frauen und die wenigen Männer, die in seinem Team arbeiteten.
Immerfort hier tätig zu sein war schon ziemlich masochistisch von ihr, wie Abigail und Kristen, ihre beiden besten Freundinnen, ihr immer wieder sagten. Denn Jonathan war nicht nur außerhalb ihrer Reichweite, weil er ihr Boss war. Er war darüber hinaus verheiratetet.
Ohne ihre Freundinnen würde sie wahrscheinlich jeden Abend alleine zuhause sitzen, Trübsal blasen, Eiscreme essen und sich Liebesschnulzen ansehen. Oder erotische Romane lesen, in denen die romantische Heldin von einem verwegenen Piraten entführt wurde, ihn zuerst hasste, sich am Ende aber natürlich doch in ihn verliebte. Keine gesunde Beschäftigung für eine siebenundzwanzigjährige, unglücklich verliebte Singlefrau.
So traf sie sich ein- bis zweimal in der Woche mit ihren Freundinnen, sang in einem Chor und ging einmal wöchentlich zum Square Dance. Am Wochenende besuchte sie oft Fortbildungen oder Seminare, um sich weiterzubilden – und sich abzulenken.
„Hat er gesagt, worum es geht?“, fragte Miranda ihre Kollegin, die immer noch vor ihrer Trennwand stand. Es war ungewöhnlich, dass Jonathan eine Mitarbeiterin in sein Büro bat.
Doch Samantha zuckte die Schultern. „Nein, keine Ahnung?“
„Na, dann gehe ich mal besser zu ihm“, sagte Miranda bemüht neutral und strich sich eine einzelne Strähne, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte, aus dem Gesicht. Während der Arbeit trug sie ihre fast hüftlangen roten Locken meistens in einer Hochsteckfrisur oder einem Zopf. In der Schule war sie wegen ihrer Haarfarbe gnadenlos gehänselt, als Hexe oder hässliches rotes Entlein betitelt worden. Einige Zeit lang hatte sie ihre Haare deswegen schwarz gefärbt, was zu ihrer hellen Haut und den weiterhin rötlichen Augenbrauen so gar nicht gepasst hatte. Danach hatte sie es mit Blondieren versucht, bis ihre Haare so kaputt waren, dass sie sie hatte kurz schneiden müssen. Seitdem hatte sie die Finger von Farbexperimenten gelassen, versteckte ihre auffällige Mähne aber in klassisch-strengen Frisuren.
Als sie das Großraumbüro durchquerte, hatte Miranda das Gefühl, ihr Herz schlüge vor Aufregung doppelt so schnell wie sonst.
Ihre Kollegen sahen noch nicht einmal auf. Jeder hier war mit seiner Arbeit beschäftigt. Nur gut, dass Miranda ihre inzwischen mehr oder minder im Schlaf beherrschte. So fiel gar nicht auf, wenn ihre Gedanken wieder einmal abdrifteten.
Sie klopfte zaghaft an die Glastür. Jonathan sah auf und winkte sie hinein.
Miranda holte tief Luft, setzte ein Lächeln auf und nahm auf dem Besucherstuhl Platz, den Rücken zur Tür.
„Ah, Miranda. Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen.“
Mirandas Herz schlug ihr jetzt bis zum Hals. Sie wischte ihre vor Aufregung schweißfeuchten Hände