Einleitung
„Ich hasse an mir, dass ich so sensibel bin!“ Mein Klient, Mitte zwanzig, saß mir gegenüber und brachte seinen Ärger mit dieser Aussage auf den Punkt. Es war einer der ersten warmen Frühlingstage in London, und plötzlich herrschte Stille im Raum. Der junge Mann war seit einiger Zeit in der psychiatrischen Klinik, in der ich damals als Psychotherapeut arbeitete, wegen wiederkehrenden Depressionen in Behandlung. Im Rahmen seiner Therapie stießen wir immer wieder indirekt auf das Thema Sensibilität. Doch dies war der erste Moment, in dem er sich selbst offen als sensibel bezeichnete und sein Selbsthass, den er aufgrund seiner empfundenen Sensibilität verspürte, deutlich wurde. Für ihn war es ein schmerzlicher, aber wichtiger Punkt in der eigenen Auseinandersetzung mit seiner hohen Sensibilität, unter der er seit seiner Kindheit litt. Für mich war es ein Schlüsselmoment in meiner beruflichen Laufbahn, weil der Klient sehr klar benannte, worauf ich in meiner Arbeit als Psychotherapeut über die Jahre immer wieder gestoßen war, ohne dafür einen Namen gehabt zu haben oder das Phänomen konkret benennen zu können – bis zu diesem Zeitpunkt: der hochsensible Mann.
Während meiner Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten in Berlin war ich immer wieder auf einen bestimmten Kliententyp gestoßen, den ich als besonders sensibel, tiefsinnig, intuitiv, gewissenhaft, oft introvertiert und manchmal schüchtern erlebte. Diese Klienten kamen alle aus den verschiedensten Gründen zu mir in die therapeutische Behandlung, etwa aufgrund von Depressionen, Angststörungen oder Beziehungsproblemen. Sie hatten jedoch alle eine darunterliegende, unterschwellige Wesensart gemeinsam: Sie waren alle äußerst sensibel und nahmen dadurch ihre innere und äußere Welt sehr feinsinnig und empfindsam wahr.
Mir fiel nach einiger Zeit auf, dass mir die therapeutische Arbeit mit dieser Klientengruppe oft besonders viel Freude bereitete, gerade weil sie so differenziert in ihrer Wahrnehmung und ihrer Auseinandersetzung mit sich und der Welt waren. Jedoch wurde mir auch zunehmend bewusst, dass es die männlichen Klienten waren, nicht die weiblichen, die die größten Probleme mit ihrer beschriebenen Sensibilität hatten und in ihren Therapien oft den Wunsch ausdrückten, weniger sensibel sein zu wollen. Ich konnte wiederholt beobachten, dass die Diskrepanz zwischen dem, wie ein sensibler Mann ist, und dem, wie er glaubt, sein zu müssen, zu großem psychischem Leid bei diesen Männern führte. Häufig empfanden sie Scham oder Minderwertigkeit aufgrund ihrer sensiblen Disposition, die sie schon seit ihrer Kindheit begleitete, und sie empfanden ihre Sensibilität als „unmännlich“, „weiblich“ oder „unattraktiv“. Manche hatten lange Zeit versucht, ihre Empfindsamkeit zu verleugnen oder vor anderen zu verstecken – in der Regel vergeblich. Die Überzeugung, dass sensibelund gleichzeitig männlich sein sich ausschließen, schien tief zu sitzen.
Ich hörte in Sitzungen immer und immer wieder den von männlichen Klienten geäußerten Wunsch, „tougher“ werden zu wollen, körperlich und seelisch belastbarer zu sein und zu lernen, sich extrovertierter zu verhalten. In der Regel erhofften sie sich dadurch, sich männlicher zu fühlen, mehr Erfolg und Durchsetzungskraft im Beruf zu haben oder auf potenzielle Partner/-innen anziehender zu wirken. Manchmal versprachen sich diese Männer auch, weniger Konflikte in der Beziehung zum eigenen Vater oder zu anderen Männern zu erleben. Im Grunde schien es also darum zu gehen, dem Bild des „typischen Mannes“ mehr entsprechen zu wollen.
Ich hatte damals noch nicht von dem Konzept der Hochsensibilität als angeborene Temperamenteigenschaft gehört und wusste auch noch nichts über die umfangreichen Forschungsergebnisse der Psychologin Dr. Elaine Aron und ihren Kollegen zur „Highly Sensitive Person (HSP)“ oder auf Deutsch: zur „hochsensiblen Person (HSP)“. Elaine Aron hatte bereits seit den frühen 1990ern das Thema erforscht und griff damit das Konzept der „angeborenen Empfindlichkeit“ mancher Menschen auf, welches bereits der Schweizer Psychiater und Begründer der Tiefenpsychologie C. G. Jung 1913 in seinen Veröffentlichungen beschrieben hatte.
Neugierig geworden durch die obige Situation in London vor mehreren Jahren, begann ich, mich explizit mit dem Thema Sensibilität bei Menschen auseinanderzusetzen. So stieß ich auf den Terminus Hochsensibilität oder „Sensory Processing Sensitivity“, wie der Begriff in der Forschung genannt wird. Ich hatte den Eindruck, auf ein nahezu bahnbrechendes psychologisches Konzept gestoßen zu sein, was meine weitere Arbeit als Psychotherapeut entscheidend beeinflussen sollte. Die Idee, dass Menschen sich von Geburt an in ihrer Sensibilität, mit der sie auf ihre Umwelt reagieren, unterscheiden, schien so viel von dem zu erklären, was ich täglich in meiner Praxis beobachten konnte. So tauchte ich in den letzten Jahren tief in die Materie der Hochsensibilität ein, und daraus entstand ein regelmäßiger Austausch mit Elaine Aron, von der ich persönlich viel über die Forschungshintergründe und die therapeutische Arbeit mit hochsensiblen Klienten lernen konnte.
Bei meiner Beschäftigung mit dem Thema Hochsensibilität fiel mir auf, dass ich kaum Bücher finden konnte, welche die besonderen Herausforderungen hochsensibler Männer aus psychotherapeutischer und männlicher Sicht beschrieben. Die meisten Bücher über Hochsensibilität wurden von Frauen geschrieben und schienen sich in erster Linie auch an Leserinnen zu richten. Gleichzeitig erschien mir das erfahrene und mitgeteilte Leid hochsensibler Männer in meiner psychotherapeutischen Praxis und im Beratungskontext jedoch sehr groß. Zwar werden die Schwierigkeiten von sensiblen Männern, die diese aufgrund des männlichen Rollenbilds im westlichen Kulturkreis erleben, in vielen Ratgebern kurz hervorgehoben, doch eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit dem Thema hochsensible Männlichkeit, und somit eine Enttabuisierung, bleibt weiterhin aus. Das möchte ich ändern.
Mir liegt es dabei besonders am Herzen, mit diesem Buch einen längst notwendigen Beitrag zum Empowerment von hoch