: Tatjana Stöckler
: Die Morde der Hebamme Historischer Roman
: Burgenwelt Verlag
: 9783943531282
: 1
: CHF 3.50
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: Historische Romane und Erzählungen
: German
Marburg 1610: Der Gelehrte Lukas von Wegener reist nach Brandenburg, wo er mit einem Horoskop einen Erbstreit im Hochadel lösen soll. Seine Frau Luzia - mittlerweile unbescholtene Bürgerin Marburgs - und seine Schwester Magdalene vertreiben sich die Zeit indessen mit einem geheimnisvollen Tagebuch, in dem nicht nur die entsetzlichste Seite des Hebammenhandwerks geschildert wird, sondern auch erschütternde Taten der Verfasserin zutage kommen. Als die Sterne Lukas in die Gefangenschaft leiten, scheint nur noch ein Wunder zu helfen. Derweil geschehen in Marburg seltsame Dinge und Luzia sieht sich gleich mehreren Herausforderungen gegenüber. Welche Absichten verfolgt die Schreiberin des dramatischen Tagebuchs? Welche Rolle spielt die schwarze Gestalt, die in den Straßen der Stadt ihr Unwesen treibt? Muss die Gelehrtenfrau am Ende ihr Geschick als Meisterdiebin einsetzen, um das Leben ihres Liebsten zu retten - und damit ihrer aller Zukunft gefährden? Der historische Roman 'Die Morde der Hebamme' ist nach 'Die Hexe muss brennen' und 'Die Huren des Apothekers' Tatjana Stöcklers drittes packendes Abenteuer um die Diebin Luzia.

Tatjana Stöckler kam als Seemannstochter in Bremerhaven zur Welt und verbrachte ihre Schulzeit zwischen ländlichem Idyll und Großstadt. Nach ihrem Studium approbierte sie als Ärztin, arbeitete in Frankfurt lange in der Strahlentherapie und derzeit in der Suchtprävention für Kinder. Nachdem sie in ganz Deutschland mehrere Wohnsitze ausprobiert hat, lebt Tatjana Stöckler jetzt mit zwei Töchtern und ihrem Mann in einer Kleinstadt im Rhein-Main-Gebiet. Als Autorin ist Tatjana Stöckler sehr vielseitig. Sie beherrscht die unterschiedlichsten Genres vom Science Fiction über den Thriller bis zur Satire. Durch die »Storyolympiade«, in der die Autorin mittlerweile als Jurymitglied fungiert, und die »Edition Geschichtenweber« beteiligte sie sich an zahlreichen Anthologien. In Literaturwettbewerben wurde sie mehrfach mit dem ersten Platz ausgezeichnet.

Kapitel 2 - Das Horoskop

 

Befriedigt steckte Lukas seine Feder in das Reiseetui zurück, kontrollierte, ob das Tintenfässchen auch sicher geschlossen war, und verstaute beides in seiner Satteltasche. Nach einem herzhaften Gähnen hielt er noch einmal das beschriebene Papier in das Licht, das nicht mehr von der Feuerstelle kam, sondern mittlerweile aus dem mit einer Schweinsblase verklebten Fenster, durch das die Morgensonne ihre ersten Strahlen schickte.

Noch nie hatte Lukas beim Erstellen eines Horoskops vor solch einer Herausforderung gestanden. Nicht zu glauben, dass es sich um die Auswertung für ein Bauernmädchen handelte! Dieses komplizierte Zusammenspiel zwischen Mars, Venus und dem Sonnenaszendenten wäre einer Königin würdig. Dabei konnte Lukas über den Verlauf nur den Kopf schütteln. Nach anfänglichen Turbulenzen um die Geburt des Kindes herum, die durchaus mit dem Tod der Mutter und dem Gram des Vaters darüber in Einklang zu bringen waren, folgte eine lange Ruheperiode. Aber ab dem heutigen Tag überschlugen sich die Einflüsse der Gestirne wie bei einem Staatsstreich oder einer großen Katastrophe. Man mochte meinen, eine Sintflut bräche über das Mädchen hinein, wobei keinesfalls nur negative Ereignisse folgen sollten. Es verblüffte Lukas, dass dabei alles nur in einer gewissen Entfernung zu der Person im Mittelpunkt, Isolde, stattfand, als ob andere für sie entschieden, sie nur von den Wogen der Ereignisse getroffen würde und diese sie durch die Luft wirbelten wie ein Blatt im Wind.

»Ihr seid schon wach?« Gerrit rieb sich den Schlaf aus den Augen und gähnte, ohne die Hand vor den Mund zu legen.

»Noch. Ich muss gestehen, dass ich kein Auge zugetan habe. Die Arbeit nahm mich gefangen, womit ich völlig das Verstreichen der Zeit ignorierte. Daheim diszipliniert mich das Schlagen der Turmuhr, doch hier hörte ich keinen störenden Laut, abgesehen vom Prasseln des Regens und dem Heulen des Winds.«

»Das Unwetter hat aufgehört.« Gerrit erhob sich, um das Ostfenster zu öffnen. Ein Schwall frischer Morgenluft drang herein und vertrieb den Dunst schwelenden Feuers und die Gerüche der schlafenden Menschen.

»Guten Morgen«, meldete sich auch das Mädchen und wandte sich zur anderen Seite des Raums, um die Tür zur Diele und den Ställen zu öffnen, wo schon der Knecht rumorte. Bald darauf ertönte das Quietschen des Ziehbrunnens im Hof.

»Gerrit, ich muss mit dir über das Horoskop deiner Tochter reden«, sagte Lukas, nachdem er sich vergewissert hatte, dass sie sich außer Hörweite befand.

»Erzählt es ihr nur. Ich glaube nicht an die Vorhersagekraft der Sterne.«

»Besser, du hörst dir an, was ich zu sagen habe.«

Anscheinend hatte Lukas so eindringlich gesprochen, dass Gerrit seine Ablehnung überwand und sich doch zu Lukas herumdrehte. »Was gibt es denn Besonderes?«

»Die nächsten Tage werden große Veränderungen bringen.«

Gerrit lachte. »Wohl gesprochen! Übermorgen werden wir aufbrechen zum Markttag in Hersfeld und ich habe beschlossen, dass Isolde Stoffe für ein neues Kleid bekommt. Das bedeutet ihr Veränderung genug. Und zu allem Überfluss wird es auch neue Eisen für mein Pferd geben. Somit erlebt sie diesen Tag mehr als vorher in ihrem gesamten Leben.«

»So einfach darfst du es dir nicht machen, Gerrit. Ich sehe Auseinandersetzungen, die Einfluss auf den Rest ihres Lebens haben werden.«

»Ob ich mich mit dem Schmied über den Preis der Hufeisen streiten werde?« Gerrit lachte auf. »Oder gar mit dem Tuchhändler? Wird sie roten Stoff wählen, wo doch grün besser zu ihren Augen passt?«

Lukas mochte es nicht, verspottet zu werden, und fühlte, wie das Blut ihm in den Kopf schoss. Verärgert ballte er die Fäuste. »Nimm es nicht zu leicht! Andere schätzen meine Kunst wert und belohnen mich mit mehr als einer Übernachtung und einer warmen Suppe.«

»Tatsächlich? Wer ist es, der auf hingeworfene Brocken nebeliger Prophezeiungen vertraut?«

Kalte Wut schoss in Lukas‘ Magen.