: Tatjana Stöckler
: Die Huren des Apothekers Historischer Roman
: Burgenwelt Verlag
: 9783943531114
: 1
: CHF 3.50
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: Historische Romane und Erzählungen
: German
Marburg 1608: Die Diebin Luzia zieht nach ihrer Heirat mit dem Gelehrten Lukas unweit der Stadt in die einsamen Lahnberge. Ihre einzigen Nachbarn, die gottesfürchtige Dame Mechthild und ihr Gemahl Henslin Nungässer, ein anerkannter Marburger Apotheker, heißen sie freundlich willkommen. Mechthild leitet eine Zuflucht für Frauen, die dort ihre ungewollten Kinder zur Welt bringen. Wegen dieser Aufopferung für die liederlichen Weiber wird sie weithin geschätzt. Doch sind tatsächlich all diese Mädchen so moralisch verkommen? Warum herrscht hinter den Mauern Angst und Entsetzen? Und was steckt hinter den sonderbaren Lieferungen des Apothekers aus dem fernen Ägypten? Was Luzia herausfindet, bringt sie in Lebensgefahr. Nach 'Die Hexe muss brennen' ist dies der zweite historische Thriller um die Diebin Luzia mit der Garantie für spannende Leseunterhaltung.

Tatjana Stöckler kam als Seemannstochter in Bremerhaven zur Welt und verbrachte ihre Schulzeit zwischen ländlichem Idyll und Großstadt. Nach ihrem Studium approbierte sie als Ärztin, arbeitete in Frankfurt lange in der Strahlentherapie und derzeit in der Suchtprävention für Kinder. Nachdem sie in ganz Deutschland mehrere Wohnsitze ausprobiert hat, lebt Tatjana Stöckler jetzt mit zwei Töchtern und ihrem Mann in einer Kleinstadt im Rhein-Main-Gebiet. Als Autorin ist Tatjana Stöckler sehr vielseitig. Sie beherrscht die unterschiedlichsten Genres vom Science Fiction über den Thriller bis zur Satire. Durch die »Storyolympiade«, in der die Autorin mittlerweile als Jurymitglied fungiert, und die »Edition Geschichtenweber« beteiligte sie sich an zahlreichen Anthologien. In Literaturwettbewerben wurde sie mehrfach mit dem ersten Platz ausgezeichnet.

Kapitel 2 - Mumia vera aegyptiaca

 

Hilde plapperte ununterbrochen. Es fiel Luzia schwer, eine Lücke zu finden, in der sie ihren Gästen einen Leckerbissen aus Nesses Küche empfehlen konnte. Dafür konnte sie selbst das Essen genießen, musste nur gelegentlich Frau Hilde anschauen und verständig nicken. Der Hirschbraten war Nesse vorzüglich gelungen und Luzia beschloss, den Jäger des Landgrafen demnächst öfter um ein gutes Stück zu bitten. Nur musste sie ihn wieder überreden, es unter der Aufsicht ihrer eigenen Köchin reifen zu lassen – was sie nicht übertreiben wollte –, weil sie den Gedanken nicht ertrug, dass auf ihrem Essen die Maden herumkrochen. Er allerdings war der Meinung, erst dann entwickle sich der rechte Wildgeschmack.

»Dein Gatte jagt?«, fragte Hilde und balancierte auch ein Stück Fleisch auf ihrer Gabel. Man merkte ihr an, dass sie selten Besteck benutzte.

»Nein, dazu fehlt ihm die Zeit«, antwortete Luzia, nachdem sie ihren Brocken geschluckt hatte. »Der Landgraf gestattet uns, von seinem Jäger die besten Stücke auszusuchen. Das Fleisch wird in Buttermilch gebeizt«, fügte sie hinzu in der Hoffnung, dass Hilde sich für Rezepte begeistern könne. Aber weit gefehlt.

»Der Jäger des Landgrafen gehört auch zu den Männern, die ihre Hände nicht bei sich selbst lassen können. Jetzt hat er doch schon die wunderhübsche Tochter der Einhausener Bäckerin geheiratet und noch immer ist nicht genug. Starrt der unverschämte Kerl doch jedem Rock hinterher und treibt sich in dunklen Ecken herum! Bei der Gesellschaft, in der er sich bewegt, ist das ja auch gar kein Wunder. Ich sage immer …«

Lächelnd und nickend ließ Luzia das Geschwätz an sich vorbeiziehen, steuerte gelegentlich ein »ah« und »oh« bei und lauschte mit dem anderen Ohr dem Gespräch zwischen Lukas und seinem Kollegen Weinzier, so wie es Magdalene schon die ganze Zeit tat und dabei stumm auf ihren Teller starrte.

»… mit einer Formel aus diesem Büchlein« – Lukas zog eine dünne Broschüre, die Luzia das letzte Mal neben seinem Teleskop gesehen hatte, aus seiner Rocktasche und hielt sie hoch – »berechnen, wo der Planet am nächsten Tag am Firmament stehen wird. So wichtig auch die Beobachtung ist, vorzugsweise durch mein Teleskop, macht mir doch das Wetter dadurch nicht mehr so große Sorgen.«

Weinzier setzte sich gerade, schob die Brille auf die Nasenspitze und machte ein empörtes Gesicht. »Aber Herr Kollege! Nichts geht über die direkte Beobachtung! Wie wollt Ihr rechtfertigen, eine so eminent wichtige Angelegenheit wie ein Horoskop von einer bloßen Berechnung abhängig zu machen?«

Lukas zwinkerte zweimal mit den Augen und schüttelte dann ungläubig den Kopf. Das Büchlein rutschte aus seinen Händen auf die Tischdecke. »Herr Kollege …«

Weiter kam er nicht, denn Weinzier fiel ihm ins Wort.

»Stellt Euch vor, ein Heerführer vertraut für seine Truppenbewegungen auf den Stand der Planeten. Nehmt Ihr es auf Euer Gewissen, wenn er eine Schlacht verliert, all die armen Soldatenseelen in den Tod führt, Schande über seinen König bringt? Nein, nein, Herr Kollege, so arbeitet niemand. Verifiziert Eure Berechnungen durch den Augenschein, sonst unterscheidet Ihr Euch nicht viel von einem Scharlatan!«

»Eine Berechnung ist doch viel …«

Immer heftiger redete Weinzier sich in Rage, bis er aufsprang und sich weit über den Tisch lehnte, um Lukas mit dem ausgestreckten Zeigefinger zu drohen. »Ein Horoskop, nur auf Gutdünken liederlich aufs Papier geworfen, erfüllt den Straftatbestand! Kollege, wisst Ihr denn nicht, dass Königreiche von einer weisen Vorhersage abhängen? Pfui, welch ein Spitzbub! Komm, Hilde, wir