Kapitel 2 - Mumia vera aegyptiaca
Hilde plapperte ununterbrochen. Es fiel Luzia schwer, eine Lücke zu finden, in der sie ihren Gästen einen Leckerbissen aus Nesses Küche empfehlen konnte. Dafür konnte sie selbst das Essen genießen, musste nur gelegentlich Frau Hilde anschauen und verständig nicken. Der Hirschbraten war Nesse vorzüglich gelungen und Luzia beschloss, den Jäger des Landgrafen demnächst öfter um ein gutes Stück zu bitten. Nur musste sie ihn wieder überreden, es unter der Aufsicht ihrer eigenen Köchin reifen zu lassen – was sie nicht übertreiben wollte –, weil sie den Gedanken nicht ertrug, dass auf ihrem Essen die Maden herumkrochen. Er allerdings war der Meinung, erst dann entwickle sich der rechte Wildgeschmack.
»Dein Gatte jagt?«, fragte Hilde und balancierte auch ein Stück Fleisch auf ihrer Gabel. Man merkte ihr an, dass sie selten Besteck benutzte.
»Nein, dazu fehlt ihm die Zeit«, antwortete Luzia, nachdem sie ihren Brocken geschluckt hatte. »Der Landgraf gestattet uns, von seinem Jäger die besten Stücke auszusuchen. Das Fleisch wird in Buttermilch gebeizt«, fügte sie hinzu in der Hoffnung, dass Hilde sich für Rezepte begeistern könne. Aber weit gefehlt.
»Der Jäger des Landgrafen gehört auch zu den Männern, die ihre Hände nicht bei sich selbst lassen können. Jetzt hat er doch schon die wunderhübsche Tochter der Einhausener Bäckerin geheiratet und noch immer ist nicht genug. Starrt der unverschämte Kerl doch jedem Rock hinterher und treibt sich in dunklen Ecken herum! Bei der Gesellschaft, in der er sich bewegt, ist das ja auch gar kein Wunder. Ich sage immer …«
Lächelnd und nickend ließ Luzia das Geschwätz an sich vorbeiziehen, steuerte gelegentlich ein »ah« und »oh« bei und lauschte mit dem anderen Ohr dem Gespräch zwischen Lukas und seinem Kollegen Weinzier, so wie es Magdalene schon die ganze Zeit tat und dabei stumm auf ihren Teller starrte.
»… mit einer Formel aus diesem Büchlein« – Lukas zog eine dünne Broschüre, die Luzia das letzte Mal neben seinem Teleskop gesehen hatte, aus seiner Rocktasche und hielt sie hoch – »berechnen, wo der Planet am nächsten Tag am Firmament stehen wird. So wichtig auch die Beobachtung ist, vorzugsweise durch mein Teleskop, macht mir doch das Wetter dadurch nicht mehr so große Sorgen.«
Weinzier setzte sich gerade, schob die Brille auf die Nasenspitze und machte ein empörtes Gesicht. »Aber Herr Kollege! Nichts geht über die direkte Beobachtung! Wie wollt Ihr rechtfertigen, eine so eminent wichtige Angelegenheit wie ein Horoskop von einer bloßen Berechnung abhängig zu machen?«
Lukas zwinkerte zweimal mit den Augen und schüttelte dann ungläubig den Kopf. Das Büchlein rutschte aus seinen Händen auf die Tischdecke. »Herr Kollege …«
Weiter kam er nicht, denn Weinzier fiel ihm ins Wort.
»Stellt Euch vor, ein Heerführer vertraut für seine Truppenbewegungen auf den Stand der Planeten. Nehmt Ihr es auf Euer Gewissen, wenn er eine Schlacht verliert, all die armen Soldatenseelen in den Tod führt, Schande über seinen König bringt? Nein, nein, Herr Kollege, so arbeitet niemand. Verifiziert Eure Berechnungen durch den Augenschein, sonst unterscheidet Ihr Euch nicht viel von einem Scharlatan!«
»Eine Berechnung ist doch viel …«
Immer heftiger redete Weinzier sich in Rage, bis er aufsprang und sich weit über den Tisch lehnte, um Lukas mit dem ausgestreckten Zeigefinger zu drohen. »Ein Horoskop, nur auf Gutdünken liederlich aufs Papier geworfen, erfüllt den Straftatbestand! Kollege, wisst Ihr denn nicht, dass Königreiche von einer weisen Vorhersage abhängen? Pfui, welch ein Spitzbub! Komm, Hilde, wir