: Anne Brontë
: Agnes Grey
: apebook Verlag
: 9783961300778
: 2
: CHF 2.60
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: Erzählende Literatur
: German
Im Nordengland des Viktorianischen Zeitalters erlebt die Familie des Pfarrers Grey den finanziellen Ruin. Daraufhin entschließt sich die jüngere, bisher recht verwöhnte Tochter Agnes, als Gouvernante zu arbeiten, um die Familie zu unterstützen. Doch die Kinder aus gutem Hause, mit denen es Agnes zu tun bekommt, machen es ihr schwer, sich in ihrer neuen Situation zurechtzufinden. Und auch als Agnes den jungen Edward Weston kennenlernt und Gefühle für ihn entwickelt, scheint ihr kein Glück beschieden zu sein... --- 'Agnes Grey' ist der erste Roman der britischen Schriftstellerin Anne Brontë (1820-1849), der jüngsten Schwester der ebenfalls bekannten Schriftstellerinnen Charlotte und Emily Brontë sowie dem Maler und Dichter Patrick Branwell Brontë. Das Buch erschien im englischen Original im Dezember 1847, wurde allerdings ursprünglich unter dem Pseudonym Acton Bell veröffentlicht. Das Buch erzählt von der Tätigkeit und den Erlebnissen der Protagonistin Agnes Grey als Gouvernante in verschiedenen gutbürgerlichen wohlsituierten Haushalten des viktorianischen Englands. Aufgrund literaturwissenschaftlicher Erkenntnisse geht man davon aus, dass die Geschichte im wesentlichen auf eigenen Erfahrungen der Autorin Anne Brontë als Gouvernante basiert. Wie auch der Roman 'Jane Eyre' ihrer Schwester Charlotte, setzt sich das Buch vor allem mit der schwierigen gesellschaftlichen Situation der Gouvernanten auseinander, die einerseits zwar aufgrund ihrer Herkunft und Bildung in der Regel selbst dem Bürgertum zuzurechnen waren, andererseits aber aufgrund finanzieller Bedingungen gezwungen waren, einer Erwerbstätigkeit in fremden Haushalten nachzugehen. 'Agnes Grey' zählt zu den Klassikern englischer Romanliteratur des 19. Jahrhunderts und zu den wenigen Vertretern des Subgenres des Viktorianischen Gouvernatenromans. In der Darstellung der Titelfigur vertritt Anne Brontë eine für die damalige Zeit ungewöhnlich emanzipierte Sichtweise., da es nicht nur die finanzielle Not ist, die Agnes Grey zu ihrer Erwerbstätigkeit führt, sondern zugleich auch der Wunsch nach der Umsetzung eines individuellen Lebensplans. Der Umfang des eBooks entspricht ca. 320 Buchseiten.

Erstes Kapitel: Das Pfarrhaus


Alle wahren Geschichten enthalten Belehrung, wenn auch bei manchen der Schatz schwer zu finden sein mag und wenn man ihn findet, von so geringfügiger Quantität ist, daß der trockene, verschrumpfte Kern kaum die Mühe des Knackens der Nuß lohnt. Ob dies bei meiner Geschichte der Fall ist, oder nicht, bin ich kaum befähigt zu beurtheilen. Mitunter denke ich, daß sie für die Einen nützlich und für Andere unterhaltend sein dürfte, die Welt mag es aber selbst ausmachen — durch meine Dunkelheit und die seitdem verstrichenen Jahre und einige falsche Namen geschützt, fürchtete ich nicht, mich herauszuwagen und will dem Publikum dasjenige aufrichtig vorlegen, was ich meinem vertrautesten Freunde nicht enthüllen würde.

Mein Vater war ein Geistlicher im Norden von England, der von Allen, die ihn kannten, mit Recht geachtet wurde und in seinen jüngeren Tagen sehr behaglich von dem Einkommen einer kleinere Pfarrei, in Verbindung mit einem eigenen hübschen Vermögen, lebte. Meine Mutter, die ihn gegen den Wunsch ihrer Freunde geheirathet hatte, war die Tochter eines reichen Gutsbesitzers und eine Frau Von Muth. Umsonst stellte man ihr vor, daß sie, wenn sie den armen Pfarrer nähme, ihre Equipage und Kammerjungfer und alle Ueppigkeiten und Genüsse des Wohlstandes aufgeben müsse, welche für sie fast Lebensbedürfnisse waren. Ein Wagen und eine Kammerjungfer waren sehr bequeme Dinge, aber sie hatte, Gott sei Dank, Füße, die sie tragen und Hände, die ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen konnten. Ein elegantes Haus und geräumige Anlagen waren nicht zu Verachten, aber sie wollte lieber mit Richard Grey in einer Hütte, als mit einem andern Manne auf Erden in einem Palaste leben.

Da ihr Vater fand, daß alle Gründe nutzlos waren, sagte er endlich den Liebenden, daß sie einander heirathen könnten, wenn sie wollten, daß seine Tochter aber dadurch ihr Vermögen gänzlich verwirken werde. Er erwartete, daß dies die Gluth Beider abkühlen würde, hatte sich aber verrechnet.

Mein Vater kannte den hohen Werth meiner Mutter zu gut, um nicht zu wissen, daß sie allein schon ein großes Vermögen aufwog und sagte, daß er, wenn nur einwilligen wolle, seinen bescheidenen Heerd zu verschönern, froh sein würde, sie unter jeder Bedingung zu nehmen, während sie ihrerseits es vorzog, mit eigenen Händen zu arbeiten, als von dem Manne, welchen sie liebte, getrennt zu werden, für dessen Glück zu wirken es ihre Freude sein würde, und der bereits an Herz und Seele Eins mit ihr war. Das ihr bestimmte Vermögen vermehrte also das einer klügeren Schwester, die einen reichen Nabob geheirathet hatte und sie vergrub sich, zur Verwunderung und dem mitleidigen Bedauern Aller, die sie kannten, in der einfachen Dorfpfarre in den Hügeln von — und trotz alledem, und trotz der Hartnäckigkeit meiner Mutter und der Launen meines Vaters,« glaube ich doch, daß man ganz England hätte durchsuchen können, ohne ein glücklicheres Paar zu finden.

Von sechs Kindern waren meine Schwester Mary und ich die einzige, welche die Gefahren der Kindheit überlebten. Ich, die nur fünf bis sechs Jahre jünger war, wie jene, wurde stets als dasKind und das Spielzeug der Familie betrachtet — Vater, Mutter und Schwester, Alle vereinigten sich, mich zu verziehen, — nicht mich durch thörichte Nachsicht ungehorsam und Widerspenstig, sondern durch unermüdliche Güte mich zu hilflos und von Anderen abhängig, zu ungeeignet in dem Kampf mit den Sorgen und Mühen des Lebens zu machen.

Mary und ich wurden in der strengsten Abgeschlossenheit erzogen. Meine Mutter, die an Kenntnissen und Fertigkeiten reich war und die Beschäftigung liebte, nahm die ganze Last unserer Erziehung auf sich, mit Ausnahme des Lateinischen, welches uns mein Vater lehrte, so daß wir nicht einmal eine Schule besuchten und da die Nachbarschaft keine Gesellschaft bot, bestand unser ganzer Umgang mit der Welt in einer dann und wann stattfindenden, steifen Theegesellschaft mit den vornehmsten Gutsbesitzern und Geschäftsleuten der Umgegend, um zu vermeiden, als zu stolz, um mit unsern Nachbarn umzugehen, verschrieen zu werden, und einen jährlichen Besuch bei unserm Großvater, väterlicher Seits, wo er, unsere gute Großmama, eine unverheirathete Tante und zwei bis drei ältliche Damen und Herren, die einzigen P