Kapitel 3
Als Sam kurze Zeit später den großen Saal betrat, stand der Schlossherr bereits vor einem mannshohen Kamin, in dem ein munteres Feuer prasselte. Es war die einzige Lichtquelle in dem Raum. Staunend blickte sie sich um, wobei ihr sofort die Größe des Saals auffiel. Er musste mindestens zwei Stockwerke einnehmen. Die italienisch geprägten Fresken in den stuckgerahmten Feldern der Decke zeigten mythologische Darstellungen und auf zwei großen Türstöcken erkannte Sam die Jahreszahl 1639.
Mr Blackthorne, dem ihre Bewunderung anscheinend nicht entgangen war, sagte: »Das hier war einst der Rittersaal.«
Unter dem Hall seiner lauten, aber äußerst angenehmen, warmen Stimme, zuckte Sam kurz zusammen. »Sehr beeindruckend«, war ihre knappe Antwort. Sie fühlte sich in Lord Blackthornes Anwesenheit etwas unwohl, da sie die einzigen Personen in dem riesengroßen Raum waren, dessen hintere Hälfte in einem unheimlichen Halbdunkel lag. »Ich hoffe, ich habe Sie nicht zu lange warten lassen, Mylord.«
Mit wackeligen Knien ging sie ein paar Schritte auf ihn zu. Seine ganze Gestalt strahlte etwas Unwirkliches, ja, beinahe Bedrohliches aus.Damian … Trotz der Wärme, die das Feuer abgab, fröstelte Sam. Der Schlossherr wirkte größer und gefährlicher als noch zuvor in ihrem Zimmer, und der Gedanke daran, dass er sie so spärlich bekleidet vorgefunden hatte, trieb ihr auch jetzt noch die Hitze ins Gesicht, aber zugleich auch ein Pochen zwischen die Beine.
Ich brauche dringend wieder eine Beziehung, wenn sogar schon wildfremde Männer mein Verlangen wecken, dachte sie schockiert über sich selbst.Aber ich weiß ja, dass meine Vorlieben etwas speziell sind.
»Bitte, sagen Sie einfach Jayden. Sonst komme ich mir uralt vor.« Seine komplette Erscheinung wirkte kühl und distanziert, aber er forderte Sam mit einer höflichen Handbewegung auf, sich an den Tisch zu setzen. Galant schob er ihr den Stuhl unter, bevor er ihr gegenüber Platz nahm. Dabei fiel Sam auf, dass er sein linkes Bein kaum merklich nachzog.
Da nur am Kopf der langen Tafel zwei Gedecke standen, saß ihr Jayden direkt gegenüber. Samantha fühlte sich zunehmend unbehaglicher. Und immer wenn sie sich unsicher fühlte, sprudelten die Worte nur so aus ihr heraus.
»Okay, Jayden. Dann bestehe ich aber darauf, dass Sie mich Samantha nennen.« Sie war wirklich bemüht, ein lockeres Gespräch zu entwickeln, doch ihr kam es so vor, als redete sie mit einer Wand. Noch nie hatte sie so einen verspannten Menschen kennengelernt.
Oder womöglich war auch nur sie die Verspannte? Jayden schien sie keinen Moment aus den Augen zu lassen und seine eindringlichen Blicke bohrten Löcher in ihre Kleidung.
»Samantha …« Er sprach ihren Namen aus, als koste er von einem lieblichen Wein, doch sofort versteifte er sich wieder. Mit den Fingerspitzen rieb er sich kurz über die Schläfen. »Bedienen Sie sich. Sie sind bestimmt sehr hungrig.« Das klang eher wie ein Befehl als eine nette Aufforderung.
Obwohl sie ein unangenehmes Drücken in der Magengegend verspürte, tat sie sich zwei belegte Brote und etwas Salat auf den Teller. Jayden nahm sich von der Pastete und ebenfalls ein mit Schinken und Gurken belegtes Brötchen.
Sie wurde aus dem Mann nicht schlau. Entweder verschlang er sie mit Blicken oder er beachtete sie gar nicht, so wie jetzt.
Gab er sich nur mit ihr ab, weil es die Etikette erforderte? Und warum zitterten seine Finger leicht?
War er ebenso aufgeregt wie sie? Oder bemühte er sich nur krampfhaft, seinen Zorn im Zaum zu halten? Wie Sam gehört hatte, litt der Lord unter Wutausbrüchen. Wenn sie ihn jedoch ansah, konnte sie nicht glauben, dass dieser Mann cholerisch sein sollte.
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