Kapitel 1
Um viertel nach zwei läutete in der Polizeidienststelle Landau das Telefon. Hauptkommissarin Franziska Hausmann warf ihrem jüngeren Kollegen Bruno Kleinschmidt einen fragenden Blick zu, doch der war mit der Kaffeemaschine beschäftigt und zelebrierte gerade die Zubereitung seines mittäglichen Cappuccinos, indem er zwei Tassen vorwärmte, die Bohnen frisch mahlte und die Milch mit heißem Dampf aufschäumte.
»Polizeistation Landau, Mordkommission, Hauptkommissarin Hausmann am Apparat«, meldete sich Franziska formvollendet.
»Frau Hausmann, stellen S’ sich des mal vor, da hat mich grad ein Kolleg aus Bad Griesbach angerufen und mir g’sagt, ich soll die Brunnerin überführen, Sie wissen scho, die Malwine. Die ist da einfach so g’storben und soll jetzt beerdigt werden. Ham die g’sagt. Aber garantiert steht da noch ihr Auto rum, und in ihrem Auto sitzt g’wiss ihr Hund, dieser Joschi. Und ich weiß ned – können Sie nicht mal mit denen reden? Des geht doch alles viel zu schnell!«
Franziska hatte die Stimme sofort erkannt. Sie gehörte dem Polizeiobermeister Adolf Schmiedinger aus Kleinöd.
»Ich? Und warum?« Verärgert hob sie die Augenbrauen. »Wieso haben die eigentlich bei Ihnen angerufen? Eigentlich müssten doch die Angehörigen informiert werden.«
Schmiedinger seufzte. »Des is a lange G’schicht. Also, der Brunnerhof ist vor a paar Wochen eingemeindet worden. Der g’hört jetzt zu uns. Und weil die Malwine keine Angehörigen mehr hat, ist jetzt die Gemeinde für ihre Bestattung zuständig. Aber wenn ich des dem Bürgermeister sag – nachad ist die alte Brunnerin im Handumdrehen beerdigt, und keiner weiß, wie und warum sie so plötzlich verstorben ist. Deswegen ruf ich Sie an. Da stimmt g’wiss was ned.«
»Das war grundsätzlich die richtige Entscheidung, Herr Kollege. Was sagt denn der Arzt?«
»Der Kollege aus Bad Griesbach hat mir den Totenschein vorg’lesen. Da steht Herzversagen.«
»Nun, dann wird es wohl so sein.« Franziska seufzte und beobachtete Bruno, der das Milchhäubchen auf seinem Cappuccino mit Kakao bestäubte.
»Ja, aber des kann ned stimmen!« Adolf Schmiedingers Stimme kippte. »Die war pumperlg’sund, der ging’s endlich amal so richtig gut. Gestern hab ich sie noch g’sehn, wie sie mit ihrem Joschi hier bei mir vorbeispaziert ist. Und so freundlich hat sie gegrüßt und g’meint, ich sollt mir doch auch a Hunderl zulegen. Einen aus dem Tierheim in Passbrunn, weil die doch so besonders gut erzogen san …«
Franziska, die ahnte, dass ein ausführlicher Vortrag folgen würde, unterbrach ihn schnell: »Was genau kann ich denn jetzt tun?«
Am anderen Ende der Leitung wurde aus tiefster Seele geseufzt, und die Kommissarin sah den Polizeiobermeister vor sich, wie er allein in seiner winzigen Kleinöder Station saß und vor Verzweiflung schwitzte, ja, sie roch ihn förmlich und hielt deshalb ihre Nase über den dampfenden Cappuccino, den Bruno vor sie hingestellt hatte.
»Die dürfen die Brunnerin ned einfach so beerdigen. Da stimmt was ned«, wiederholte der Polizeiobermeister.
»Wer istdie?«
»Na, die Gemeinde, also der Bürgermeister. Bittschön, können S’ ned irgendwas tun?«
Franziska zögerte. Ihre Erfahrung hatte sie gelehrt, dass der erste Eindruck, das spontane Gefühl des »Da-stimmt-was-nicht«, oft richtig war, und je mehr sie darüber nachdachte, umso eigenartiger erschien auch ihr dieser plötzliche Todesfall.
Malwine Brunner! Erst hatte sie ihren Sohn verloren, dann den Mann, schließlich die Schwester – und jetzt lebte sie selbst nicht mehr. Die letzte ihres Stammes, wie es im Dorf geheißen hatte – und die Bäuerin mit dem größten Landbesitz.
»So alt war die Malwine Brunner doch gar nicht, oder?«
»Naa, noch ned amal siebzig«, bestätigte Adolf Schmiedinger.
Franziska schwieg und biss sich auf die Lippen. Sie dachte an den Totenschein und fragte sich, ob der Herzinfarkt vielleicht nur ausgesehen hatte wie ein Herzinfarkt. Letztlich konnte das nur mit einer Obduktion