: William Makepeace Thackeray
: Die Virginier
: Red Ediciones
: 9783957182128
: 1
: CHF 2.60
:
: Erzählende Literatur
: German
: 934
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Zwar kommen die Zwillinge Harry und George Warrington im Abstand von kaum dreißig Minuten zur Welt, doch charakterlich trennen die beiden Welten, und selbst der geringfügige Altersunterschied erweist sich als schicksalhaft, stehen doch dem ältesten Sohn der Familie ganz andere Rechte zu - man denke nur an die Erbfolge! Vor dem Hintergrund des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges schildert W. M. Thackeray die Abenteuer, Amouren, Missgeschicke, Fehlschläge, Dummheiten, aber auch Triumphe der Brüder Warrington aus Virginia. Diese fechten nicht nur an der Seite des berühmten George Washington (von dem sie annehmen, er habe ein Auge auf ihre verwitwete Frau Mama geworfen), sondern reisen selbstverständlich auch in die englische Heimat, denn dort lebt ein beträchtlicher Teil der alten Familie Warrington-Esmond. Was könnte besser sein als ein ausgedehnter Aufenthalt bei den lieben Verwandten auf der Insel? Wer Thackeray kennt, weiß: zum Beispiel eine Begegnung mit einem halben Dutzend betrunkener Straßenräuber zu nachtschlafender Zeit in einer finsteren Londoner Sackgasse, nachdem man sich zuvor eine größere Summe Bargeld von seinem Bankier hat auszahlen lassen ... Der für seine beißende Satire gefeierte Thackeray, dessen Gesellschaftsportrait 'Jahrmarkt der Eitelkeiten' 2015 von einer Fachjury zu einem der bedeutendsten britischen Romane gekürt wurde, spart auch in 'Die Virginier' nicht mit Sarkasmus und augenzwinkerndem Humor und beweist einmal mehr, mit welchem Scharfblick er die Menschen und ihre Beweggründe, ihre Schwächen, Torheiten und ihre Doppelmoral zu entlarven verstand. Die zahlreichen Illustrationen in diesem Band fertigte Thackeray, der in seiner Jugend einige Jahre Kunst studiert hatte, selbst.

1. Kapitel. In dem einer der Virginier seine Heimat besucht.


Im Bibliothekszimmer eines der berühmtesten amerikanischen Schriftsteller hängen zwei gekreuzte Degen an der Wand, die seine Verwandten in dem großen Unabhängigkeitskrieg trugen. Der eine Degen wurde tapfer im Dienste des Königs gezogen, der andere war die Waffe eines wackeren und geehrten republikanischen Soldaten. Der Besitzer der harmlosen Trophäe hat sich einen Namen erworben, der im Vaterland seiner Ahnen ebenso geehrt ist wie in dem seinen, wo ein Genius wie der seine stets ein friedliches Willkommen findet.
Die nachfolgende Geschichte erinnert mich an jene Degen in dem Studierzimmer des Historikers zu Boston. Im Revolutionskrieg sahen sich die Hauptpersonen dieser Geschichte, geborene Amerikaner und Kinder des sogenanntenOld Dominion1, auf verschiedenen Seiten des Kampfes und kamen am Schluß desselben friedlich zusammen, wie sich dies für Brüder ziemt, denn ihre Liebe war niemals wesentlich vermindert worden, wie zornig der Kampf sie auch trennte. Der Oberst in der scharlachroten und der General in der blaugelben Uniform hängen nebeneinander in dem getäfelten Zimmer der Warringtons in England, wo ein Nachkomme eines der Brüder mir ihre Bildnisse nebst vieler der Briefe, die sie geschrieben hatten, und den Büchern und Papieren, die ihnen gehörten, gezeigt hat. In der Familie Warrington und um sie von anderen Mitgliedern dieses achtbaren Geschlechts zu unterscheiden, sind diese Bilder stets mit dem Namen »die Virginier« bezeichnet und ihr Andenken mit diesem Namen getauft worden.
Beide verlebten eine lange Zeit in Europa. Sie wohnten gerade am äußersten Rand jener Alten Welt, von der wir so rasch hinweg treiben. Sie waren mit vielen der verschiedenen Erscheinungen vertraut, unter denen man die Menschen und das Schicksal zu sehen pflegt. Ihr Los brachte sie in Berührung mit Personen, von denen wir nur in Büchern lesen, die aber zu leben scheinen; wenn ich in den Briefen der Virginier lese, deren Stimmen ich beinahe zu vernehmen glaube, wenn ich die vor so vielen Jahren geschriebenen vergilbten Blätter lese, auf die die knabenhaften Tränen enttäuschter Leidenschaft fielen und die nach glänzenden Bällen und Zeremonien der großartigen Alten Welt gehorsamst abgesendet oder am Lagerfeuer oder im Gefängnis geschrieben wurden; ja, es befindet sich sogar einer darunter, durch den eine Kugel gegangen und in dem der größere Teil des Textes durch das Blut des Überbringers unleserlich geworden ist.
Diese Briefe wären wahrscheinlich niemals aufgehoben worden, wenn nicht die liebevolle Sorgfalt einer gewissen Person es getan hätte. Die Mutter war es, die alle Briefe ihrer Söhne aufbewahrte, von dem allerersten an, in dem der jüngere der beiden Zwillinge seinen Bruder grüßen läßt, während er infolge einer Verstauchung im Haus seines Großvaters in Castlewood in Virginia liegt und seinem Großvater für ein Pferd dankt, das er mit seinem Lehrer reitet – bis hin zum letzten »von meinem geliebten Sohn«, den sie nur wenige Tage vor ihrem Tode erhielt. Die ehrwürdige Dame besuchte Europa ein einziges Mal mit ihren Eltern unter der Regierung Georgs des Zweiten, flüchtete sich nach Richmond, als das Haus in Castlewood während des Krieges niedergebrannt wurde, und wurde von diesem Ereignis an stets Madam Esmond genannt, ohne daß sie sich viel um die Familie oder den Namen Warrington gekümmert hätte, der bei ihr im Vergleich mit ihrem eigenen in sehr geringer Achtung stand.
Die Briefe der Virginier sind, wie der Leser aus den ihm mitzuteilenden Proben sogleich ersehen wird, keineswegs vollständig. Sie sind mehr Andeutungen als Beschreibungen – hauptsächlich Umrisse. Es ist möglich, daß der gegenwärtige Verfasser die Formen falsch aufgefaßt und die Farben am falschen Ort angebracht hat. Während ich aber über diesen Dokumenten brütete, habe ich mich bemüht, mir die Situation des Schreibers der Briefe, wo e