: Elizabeth Gaskell
: Sylivas Freier
: Red Ediciones
: 9788490077214
: 1
: CHF 2.60
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: Erzählende Literatur
: German
: 765
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In ihrem vorletzten großen Roman, den die Autorin selbst als ihre traurigste Geschichte bezeichnete, erzählt Elizabeth Gaskell vor dem Hintergrund der Napoleonischen Kriege und der damit einhergehenden Zwangsrekrutierungen vom Schicksal der Farmer-Familie Robson, deren einzige Tochter Sylvia nicht nur im heiratsfähigen Alter, sondern auch bildhübsch und bei den jungen Männern des kleinen Küstenstädtchens Monkshaven überaus beliebt ist. Doch als Regierungstruppen, die im Auftrag des Königs durch England ziehen, um wehrtaugliche Männer gewaltsam für den Kriegsdienst zu verpflichten, überstürzen sich die Ereignisse, in deren Folge Sylvias Vater eines Verbrechens beschuldigt wird, auf das die Todesstrafe steht, während ihr Verlobter spurlos verschwindet. Überarbeitete, teilweise neu übersetzte Fassung auf Basis der ersten deutschen Übersetzung von 1864 mit zusätzlichen Anmerkungen.

Kapitel I.
Monkshaven.


An der nordöstlichen Küste Englands liegt Monkshaven, eine Stadt, die heutigen Tages etwa 15.000 Einwohner zählen mag. Die Begebenheiten, die in den folgenden Blättern mitgeteilt werden sollen, ereigneten sich zu Ende des vorigen Jahrhunderts; damals aber konnte die Stadt kaum die Hälfte der obigen Einwohnerzahl aufweisen.

Monkshaven ist ein nicht unbekannter Name in der englischen Geschichte. Eine Überlieferung war allgemein in der Stadt verbreitet, daß sie einst der Landungsplatz einer thronlosen Königin gewesen sei. In jenen alten Zeiten stand auf den felsigen Höhen über der Stadt ein befestigtes Schloß, das zur Zeit unserer Geschichte nur noch ein verlassener Edelsitz war, und vor der Ankunft der Königin, in einem noch früherer Zeitraum, aus dem die ältesten Überreste des Schlosses stammen, hatte sich auf diesen Klippen ein großes Kloster befunden, das den weiten Ozean überschaute, der mit dem fernen Horizont verschmilzt. Während die Hauptstraße der Stadt parallel zum Fluß verlief, verzweigten sich schmälere Gäßchen unregelmäßig an den steilen Wänden des Berges derart hinan, daß die einzelnen Häuser oft zwischen dem Fluß und dem Berg wie eingeklemmt erschienen.

Eine Brücke führte über den Fluß Dee, und folglich gab es auch eine Brückengasse, die die Hauptstraße im rechten Winkel durchschnitt. Am südlichen Ufer des Flusses lagen einige etwas anspruchsvollere Häuser, von Gärten und Feldern umgeben, denn die Honoratioren des Ortes wohnten auf dieser Seite. Und wer mochten die großen Herren dieser kleinen Stadt sein? Gewiß nicht die jüngeren Linien der adligen Familien, die ihre altererbte Würde auf ihren Edelsitzen in jenen öden, traurigen Moorstrichen zu behaupten wußten, die Monkshaven von der übrigen Welt fast ebenso auf der Landseite abschlossen wie die Wellen des Meeres auf der Seeseite. Nein, diese alten Familien hielten sich von dem unappetitlichen und doch so abenteuerlichen Handel fern, durch den sich einzelne Familien von Monkshaven von Generation zu Generation bereicherten.

Die Magnaten des Ortes waren jene, die über die größte Anzahl von Schiffen im Walfang verfügen konnten. Der Lebenslauf eines Monkshaveners dieser Klasse war ungefähr folgender. Er wurde als Matrose in die Lehre zu einem der reichen Schiffseigner – möglicherweise zu seinem eigenen Vater – mit zwanzig oder vielleicht auch mehr anderen Knaben gegeben. Während der Sommermonate machten sie Reisen in die Grönlandsee und kehrten im Frühherbst mit ihren Ladungen zurück; die Wintermonate wurden benutzt, teils um bei der Zubereitung des Trans aus dem Walspeck in den Siedehäusern behilflich zu sein, teils um von irgendeinem wunderlichen, aber erfahrenen Lehrer, der halb Schulmeister, halb Matrose war und seinen Unterricht mit anregenden Erzählungen der wilden Abenteuer seiner Jugend zu würzen vermochte, einige Schiffahrtsregeln zu erlernen. Während der ruhigen Monate von Oktober bis März bildete das Haus des Schiffseigners, bei dem der Knabe in der Lehre war, seine Heimat. Die Stellung, die diese Knaben im Hause einnahmen, hing von dem Lehrgeld ab, das sie bezahlten. Einzelne wurden den Söhne