1. Kapitel
„Since I can do no good because a woman, Reach constantly at something that is near it.“ – The Maid’s Tragedy: BEAUMONT AND FLETCHER.1
Miss Brooke gehörte zu jenen Schönheiten, denen eine dürftige Kleidung zur Erhöhung ihrer Reize zu dienen scheint. Ihre Hand und ihr Handgelenk waren so schön geformt, daß sie getrost Ärmel tragen konnte, die ebenso stillos waren wie die, in denen die heilige Jungfrau den alten italienischen Meistern erschien, und ihr Profil sowohl wie ihre ganze Gestalt und ihre Haltung schienen durch ihre einfache Kleidung nur an Würde zu gewinnen, so daß ihre ganze Erscheinung inmitten der Modedamen der Provinz den Eindruck eines schönen Zitats aus der Bibel – oder eines alten Dichters – in einem Zeitungsartikel machte. Man bezeichnete sie allgemein als sehr gescheit, fügte aber regelmäßig hinzu, daß ihre Schwester Celia mehr gesunden Menschenverstand habe. Gleichwohl trug Celia kaum mehr Besatz an ihren Kleidern, und nur sehr scharfe Beobachter nahmen wahr, daß ihre Kleidung sich doch in etwas von der ihrer Schwester unterschied und mit einer Nuance von weiblicher Koketterie arrangiert war, denn die einfache Toilette Miss Brookes hatte ihren Grund in verschiedenen Ursachen, von denen die meisten auch für ihre Schwester maßgebend waren. Das stolze Bewußtsein, Ladys zu sein, war eine dieser Ursachen: die Familie der Brookes war, wenn auch nicht gerade eine aristokratische, doch unstreitig eine sehr „gute“; wenn man ihrer Herkunft eine oder zwei Generationen weit nachging, so fand man unter den Voreltern keine Handwerker oder Detaillisten, sondern nichts Geringeres als einen Admiral und einen Geistlichen, und wenn man den Stammbaum noch weiter zurückverfolgte, so kam man auf einen puritanischen Gentleman, der unter Cromwell gedient, sich aber später wieder der Staatskirche angeschlossen und sich als Eigentümer eines respektablen Grundbesitzes allen politischen Verfolgungen zu entziehen gewußt hatte. Junge Damen von solcher Herkunft, die in einem ruhigen Hause auf dem Lande lebten und eine Dorfkirche besuchten, die kaum größer war als ein Wohnzimmer, betrachteten natürlich allen Putz als den Gegenstand des Ehrgeizes einer Krämerstochter. Ferner bestand in guten Familien damals noch eine Sparsamkeit, die die Toilette als denjenigen Ausgabeposten betrachtete, der sich zuerst zu einer Einschränkung eigne, wenn es notwendig erschien, gerade im Interesse der gesellschaftlichen Stellung das Budget durch Vergrößerung anderer Ausgaben zu belasten. Diese und ähnliche Gründe würden, ganz abgesehen von religiösen Gefühlen, hingereicht haben, eine einfache Toilette zu erklären; in Miss Brookes Fall aber würde die Religion allein ein genügendes Motiv gewesen sein, und Celia schloß sich allen Empfindungen ihrer Schwester in ihrer milden Weise an, nur daß sie dieselben mit jenem gesunden Menschenverstand durchdrang, der sich bedeutungsvolle Doktrinen ohne jede exzentrische Aufregung anzueignen weiß. Dorothea wußte viele Stellen aus Pascals „Pensées“2 und aus Jeremy Taylor3 auswendig, und die Bestimmung der Menschheit, wie sie dieselbe im Lichte des Christentums ansah, ließ ihr das Interesse für weibliche Moden als eine tollhäuslerische Beschäftigung erscheinen. Sie vermochte die Bekümmernisse eines Seelenlebens, bei denen es sich um Folgen für die Ewigkeit handelte, nicht mit den nichtigen Sorgen für die Raffinements einer modernen Toilette in Einklang zu bringen. Ihre Geist war theoretisch, und ihre Natur verlangte nach einer einheitlichen und bedeutenden Auffassung der Welt, in der das Kirchspiel Tipton und die Art ihres Lebens in demselben ungezwungen einen Platz finden möchten; sie hatte eine leidenschaftliche Vorliebe für alles Große und Gewaltige, und ihre Sympathie war sofort allem, was dieser Neigung zu entsprechen schien, gewonnen; sie war sehr geneigt, ein Märtyrertum zu suchen, dann ihre schnell gefaßten Meinungen zu widerrufen und schließlich ein Märtyrertum da zu finden, wo sie es gar nicht gesucht hatte. Solche Elemente in dem Charakter eines heiratsfähigen Mädchens waren gewiß geeignet, auf ihr Schicksal entscheidend einzuwirken und zu verhindern, daß dieses, der bestehenden Sitte gemäß, durch ein hübsches Gesicht, durch Eitelkeit und durch eine rein sinnliche Zuneigung bestimmt werde. Bei alledem war sie, die ältere der beiden Schwestern, noch nicht zwanzig Jahre alt, und beide hatten, seit sie vor etwa acht Jahren ihre Eltern verloren hatten, nach einem ebenso bes