: Mary Elizabeth Braddon
: Enttäuschte Herzen
: Red Ediciones
: 9783957182012
: 1
: CHF 1.80
:
: Erzählende Literatur
: German
: 406
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Lady Cecil Chudleigh, die Tochter des verstorbenen Lord Aspendell, fristet ihr Dasein als unbezahlte Gesellschafterin und beinahe als Dienstmagd ihrer bejahrten Tante. Dass sie ihrem eintönigen, mühseligen Leben nur zu entrinnen vermag, wenn sie sich gut verheiratet, stellt sie vor neue Probleme, ist sie doch der Meinung, dass sie niemals glücklich werden könne, wenn sie nach Geld heiraten würde - ganz anders als ihre Freundin Florence Crawford, ein frivoles, weltlich gesinntes Geschöpf, dem es nur darauf ankommt, baldmöglichst dem ihrer Ansicht nach zu bescheidenen Wohlstand des Vaterhauses durch eine Heirat mit dem reichsten Mann zu entkommen, den sie zu ergattern in der Lage ist. Noch ahnen beide nicht, dass sich das Schicksal zuweilen wenig um die Ansichten und Moralvorstellungen der Menschen kümmert, deren Lebensweg es beeinflusst. Cecil muss bald ebenso wie Florence einsehen, dass auch ein noch so gewissenhaft entworfener und umgesetzter Lebensplan eine völlig andere, verhängnisvolle Wendung nehmen kann, bei der die Frage, ob man nun glücklich oder unglücklich ist, vor ganz anderen Erwägungen vollständig in den Hintergrund treten kann. Mary Elizabeth Braddon, die im viktorianischen England als eine der populärsten Autorinnen galt, verfasste über achtzig Romane, von denen sich viele zu langjährigen Bestsellern entwickelten. Ihr größter Erfolg, 'Lady Audleys Geheimnis', blieb seit seinem Erscheinen 1862 fortwährend im Druck und wurde mehrfach verfilmt und dramatisiert.

1. Kapitel.
»Er ist nur ein Landschaftsmaler.«


Es herrschte Hochflut – Springflut, wenn du willst, lieber Leser – um halb sieben Uhr an einem warmen Juniabend, doch nicht die gewöhnliche Ebbe und Flut eines gemeinen Flusses, sondern die mächtige Flut des unter den staubigen Ulmen und Linden der »Lady’s Mile« westwärts wogenden wunderbaren Ozeans der feinen Gesellschaft. Wärst du zwischen vier und fünf Uhr an eben diesem Nachmittag um eben diesen Park herumgefahren, würdest du nicht viel mehr gesehen haben als etwa ein halbes Dutzend Kindermägde mit ihren umherspringenden oder im Kinderwagen sitzenden Pflegebefohlenen, hier und da einen malerischen Leibgardisten, der unter dem flackernden Schatten der Bäume einen scharlachroten Punkt gebildet hätte, einige schlecht gekleidete Bummler und da und dort ein im Gras liegendes, schlafendes, betrunkenes Frauenzimmer. Nun hingegen haben die aufgeregten Organe der Polizei alle Hände voll zu tun, um die vierfache Reihe der Equipagen in Ordnung zu halten und die Fußgänger vor den schlagenden, scharrenden Hufen der Pferde zu bewahren, von denen nicht wenige dreihundert Guineen das Stück kosten. Der Spazierweg unter den Bäumen ist nun ebenso dicht gefüllt wie der eingehegte Raum beim Pferderennen in Ascot und die eisernen Stühle sind ebenso vollständig besetzt wie die Bänke in einer fashionablen Kapelle. Für den habgierigen Besitzer mit der großen ledernen Tasche an der Seite ist es schwere Arbeit, seinen Tribut einzusammeln, so rasch kommen und gehen seine Kunden, und er wird fortwährend von der Furcht vor sich heimlich davonmachenden Mietern und unbezahlten Schulden gepeinigt. Auf der ganzen Länge der Barriere zwischen Hyde Park Corner und dem Serpentine1 ist kaum Platz für noch einen Spaziergänger, denn die Herrschaft der Mode und des guten Tons ist eine so unerbittliche, daß sie Millionen Menschen, die in ihrem ganzen Leben kein Wort miteinander gesprochen haben, zwingt, dieselbe Gattung von Kleidern zu tragen, denselben Jargon zu sprechen und in derselben Art Wagen zu fahren, dieselbe Gattung Mahlzeiten zu sich zu nehmen, sich zur selben Stunde, ein Jahr aufs andere und ein Jahrhundert aufs nächste, vom ersten Dämmern der Zivilisation bis auf den heutigen Tag, zusammenzufinden.

Der uneingeweihte Advokatenschreiber aus Holloway, der ganz in derselben Haltung einher schlendert, dieselben perlgrauen Handschuhe und den Backenbart ganz nach derselben Art trägt wie der eingeweihte junge Patrizier der flotten Westend-Klubs, fragt sich vielleicht, ob die Inhaber der langsam an ihm vorüber rollenden Equipagen infolge des göttlichen Rechts edler Geburt und hoher Stellung oder kraft jenes goldenen Zauberstabes, des wunderbaren Passepartouts darin sitzen, das der Erfolg so oft dem aufstrebenden Plebejer verleiht. Der Uneingeweihte aus Holloway sieht, daß nicht so viele freundliche Begrüßungen gewechselt werden, wie sich erwarten ließe, wenn diese eleganten Chaisen und nützlichen Landauer, diese raschen Phaetons und zierlichen kleinen Broughams nur den bevorrechteten Klassen gehörten, deren höchstes Vorrecht eben in der Ehre besteht, einander bekannt zu sein. Zugleich bemerkt der Uneingeweihte zu seinem Erstaunen gewisse Bewohner der östlichen Hemisphäre, die ihm selbst recht wohl in ihrer Gestalt von Wucherern und dergleichen Geldmenschen bekannt sind, sich jedoch hier in modische Schmetterlinge verwandelt zeigen und in eleganten Wagen fahren. Agenten für öffentliche Blätter, Geldgeschäfte betreibende Advokaten, Spieler und Wetter von Profession, herausgeputzte Brauer und in weiten Kreisen bekannte und beliebte Branntweinbrenner bewegen sich neben Herzögen und Herzoginnen an ihm vorüber und unterscheiden sich von letzteren nur