2. Der junge und der alte Arzt.
Inzwischen war das Kind in den Korridor hinausgelaufen, sprang die Treppe hinauf und rief:« Papa! Papa!«
Es mußte sich also doch noch eine weitere Person in diesem Haus aufhalten, in dem ich geglaubt hatte, mich mit dem Mädchen und dem Toten ganz allein zu befinden. Überrascht eilte ich ihr nach ins erste Stockwerk, wo sie vor einer geschlossenen Tür stehenblieb. Eine seltsame Scheu schien die Kleine zurückzuhalten, denn in leisem Flüsterton sagte sie mir:
»Hier drinnen ist Papa.«
Wenn dem so war, befand er sich jedenfalls nicht allein. Gelächter, lautes, hastiges Sprechen und Gläserklingen ließ sich deutlich durch die Tür hindurch vernehmen. Der Gegensatz zwischen dieser heiteren Szene und dem feierlichen Augenblick, den ich unmittelbar zuvor erlebt hatte, fiel mir schwer aufs Herz; ich zögerte, das Zimmer zu betreten, und sah mich um, ob ich nicht jemanden vom Dienstpersonal bemerken könnte, denn mir war mittlerweile klar, daß in diesem reichen Haus Diener anwesend sein mußten. Doch plötzlich rief das Kind, das sich angsterfüllt an mein Knie klammerte:
»Ich glaube nicht, daß Papa hier ist. Papa mag keine Karten leiden. Aber Onkel George spielt gern. Kommen Sie, wir wollen Papa suchen!«
Sie zog mich zu einer anderen Tür hin, öffnete sie und schien überrascht, daß das Licht ausgedreht und ihr Papa nicht da war.
»Vielleicht ist er bei Onkel Alph,« stammelte sie weinerlich. Damit sprang sie eine zweite Treppe hinauf und sah sich dann um, ob ich ihr auch folgte.
Was sollte ich anders machen? Ich mußte mit ihr gehen, bis ich irgendeiner Menschenseele begegnete. Ich eilte also ebenfalls die Treppe hinauf. Als ich oben ankam, war sie bereits in ein Zimmer eingetreten.
»Oh, Onkel Alph!« hörte ich sie weinend rufen. »Großpapa liegt unten auf dem Boden. Ich kann Papa nicht finden. Ich hab solche Angst!« Und schluchzend lief sie auf den jungen Mann zu, der von seinem Stuhl am Schreibtisch aufstand. Ihre Worte schienen gar keinen Eindruck auf ihn zu machen, denn er starrte sie wie geistesabwesend an.
Nicht nur aus diesem Grund musterte ich die Erscheinung des jungen Mannes trotz der Tatsache, daß meine gegenwärtige Lage mich in nicht geringe Verlegenheit versetzte, auf das genaueste. Er war schön und auf den ersten Blick als Lebemann zu erkennen. In seiner ganzen Erscheinung lag etwas Anziehendes, man fühlte dies aber mehr, als daß man vermocht hätte, sich im einzelnen darüber Rechenschaft zu geben. Ich erfuhr später von Freunden, die öfter mit ihm die Straßen entlang geschlendert waren, daß er die Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen pflegte. In seinen Zügen, in der Haltung, in den Bewegungen von Kopf und Schultern läge etwas, das einen veranlasse, sich den Mann nicht nur anzusehen, sondern sich auch nach ihm umzusehen. In diesem Augenblick fiel mir allerdings weniger seine stattliche Erscheinung auf als der unruhige, fieberhaft erregte Ausdruck seiner Züge.
Bei unserem Eintritt war er beschäftigt gewesen, einen Brief zu schreiben, den er zerknüllte und in den Papierkorb warf, als das Kind ihn so ängstlich anrief. Mir fiel auf, daß er dies mit einer gewissen Hast tat, und ich fragte mich unwillkürlich, was wohl in dem von ihm vernichteten Brief stehen mochte.
Inzwischen war er anscheinend bemüht, sich zusammenzunehmen und zu begreifen, was die Kleine von ihm wollte. Mich hatte er offenbar noch gar nicht bemerkt, obwohl ich in der weit geöffneten Tür stand. Ich hielt es daher für angebracht, mich ihm vorzustellen.
»Ich bitte um Verzeihung,« sagte ich, »mein Name ist Arthur Outhwaite, von der Anwaltskanzlei Robinson und Outhwaite. Ich kam an Ihrem Haus vorbei und wurde von der Kleinen hier hereingerufen, um ihrem Großvater zu Hilfe zu kommen, den ich leider in sehr bedenklichem Zustand in seinem Arbei