2. Kapitel.
Unter dem Schleier der Nacht.
Ehe Thomas Milsom, auch der Schwarze Milsom genannt, noch seiner Überraschung Worte leihen konnte, kehrte der Wirt des »Lustigen Matrosen« von seinem Geschäftsgang zurück und trat in das dumpfige kleine Zimmer, in dem es bereits dunkel zu werden begann.
Milsom erzählte Dennis Wayman, er habe den Kapitän mit dem Kopf auf dem Tisch liegend und unruhig schlafend angetroffen, und auf näheres Befragen erzählte Valentine Jernam seinen Traum so offen, wie er alles, was ihn betraf, zu erzählen pflegte.
»Ich sehe nicht recht ein, warum das ein böser Traum gewesen sein soll,« sagte Dennis Wayman, als die Geschichte zu Ende war. »Sie träumten, Sie wären zur Zeit einer Windstille auf offener See. Das ist alles.«
»Ja, aber was für eine Windstille es war! Ich habe schon manche Windstille erlebt, aber niemals eine solche, wie ich sie eben in meinem Traum sah. Und dann diese Einsamkeit; außer mir kein Wesen an Bord und keine menschliche Stimme, die mir geantwortet hätte, als ich rief. Und das Gesicht – es lag etwas so Unheimliches in diesem Gesicht – es lächelte mich an, aber zugleich mit drohendem Ausdruck, und die Hand zeigte auf den Grabstein! Wissen Sie, daß ich vergangenen Dezember wirklich dreiunddreißig Jahre alt geworden bin?«
Der Seemann bedeckte sich das Gesicht mit den Händen und saß einige Augenblicke in nachdenklicher Haltung da. So kühn und mutig er auch war, war er doch nicht ganz frei von dem Aberglauben seiner Standesgenossen, und dieser böse Traum äußerte einen Einfluß auf ihn, dem er sich nicht entziehen konnte.
Der Wirt war der erste, der das Schweigen brach. »Ach, Kapitän,« sagte er, »wie können Sie solchen wunderlichen Grillen nachhängen! Sie waren in einer unbehaglichen Haltung eingeschlafen und haben einen unbehaglichen Traum gehabt, der so ungereimt und absurd ist, wie es solche Träume gewöhnlich sind. Wie wäre es, wenn wir ein Spielchen machen und einen Tropfen Warmes dazu trinken? Sie brauchen etwas Aufheiterung, Kapitän, weiter fehlt Ihnen nichts.«
Valentine Jernam erklärte sich mit dem unterbreiteten Vorschlag einverstanden. Die Karten wurde gebracht und eine Bowle Punsch von dem freigebigen Seemann bestellt, der stets bereit war, andere auf seine Kosten trinken zu lassen.
Das Spiel begann, und es ging Kapitän Jernam, wie es einem ehrlichen Mann, der in solcher Gesellschaft spielt, in der Regel geht. Anfangs gewann er, zuletzt aber verlor er, und sein Verlust überstieg den Gewinn bedeutend.
Er hatte über eine Stunde gespielt und mehrere Gläser Punsch getrunken, ehe sich das Glück wandte und er sich genötigt sah, die dicke, mit Banknoten und Gold angefüllte Brieftasche hervorzuziehen.
Hätte er nicht den starken Punsch getrunken, hätte er sich vielleicht Joyce Harkers Warnung erinnert und es vermieden, seinen Reichtum vor diesen beiden Männern zur Schau zu stellen. Unglücklicherweise hatten die Dünste des starken Getränkes jedoch schon begonnen, ihm zu Kopf zu steigen, und sein treuer Schreiber war vollständig vergessen. Er öffnete er seine Brieftasche jedesmal, wenn er seinen Verlust bezahlen mußte, und so oft er dies tat, verschlangen die gierigen Augen seiner Mitspieler den Inhalt mit verstohlenen Blicken.
Mit jeder Partie wurde der Seemann immer aufgeregter. Es wurde um niedrige Einsätze gespielt, und seine Verluste beliefen sich daher erst auf einige Pfund. Doch das Gefühl der Niederlage verdroß ihn. Mit fieberhafter Begier wünschte er sich zu rächen, und als Milsom aufstand, um fortzugehen, verlangte der Kapitän von ihm, das Spiel fortzusetzen.
»So dürfen Sie sich nicht fortschleichen,« sagte er.