Kapitel I
Der Anfang des grossen Orley-Farm-Prozesses
Es ist nicht wahr, daß die Rose unter einem anderen Namen ebensogut riechen würde. Wäre dies wahr, würde ich diese Erzählung »Der große Orley-Farm-Prozeß« nennen. Wer würde dann aber einen zweiten Band eines Werkes verlangen, das mit einem so ungeschlachten Titel belastet wäre? Darum und deshalb – Orley Farm.
Ich sage dies gleich zu Beginn, um Gelegenheit zu haben zu erklären, daß dieses mein Buch durchaus nicht etwa ländlichen oder landwirtschaftlichen Zwecken gewidmet sein soll. Der Name könnte leicht den Eindruck erwecken, daß hier in dem ansprechenden Gewand eines Romans neue Rezepte zu Rahmkäsen oder Anleitung zur Züchtung von Schweinen mit kleinen Knochen, zur Weizenaussaat mit Anwendung der Drillmaschine oder zur Erzeugung von Kunstdünger gegeben werden sollen. Aber dergleichen Absichten liegen mir vollständig fern. Ich mache in dieser Richtung durchaus keine Versuche und erkläre ein für allemal, daß die Landwirte durch diese meine gegenwärtige Leistung nichts gewinnen werden. Orley Farm, lieber Leser, ist während eines Teils unseres gegenwärtigen Beisammenseins unsere Schaubühne, und der Name ist gewählt worden, weil er in engem Zusammenhang mit gewissen juristischen Fragen stand, die in unseren Gerichtshöfen bedeutendes Aufsehen erregten.
Zwanzig Jahre vor der Zeit, zu der die Geschichte angenommener Weise beginnt, wurde der Name Orley Farm den Trägern des langen Juristengewandes zuerst bekannt. Zu jener Zeit war ein alter Gentleman, Sir Joseph Mason, gestorben, der in Yorkshire ein Grundeigentum von bedeutendem Umfang und Wert hinterließ. Dies vermachte er in gebührender Weise seinem ältesten Sohn, dem Joseph Mason, Esq., unserer Zeit. Sir Joseph war Kaufmann in London gewesen, hatte sich, nachdem er ohne Zweifel mit zwei Shilling sein Geschäft begonnen hatte, viel Geld verdient, war nach der Reihe Alderman, Bürgermeister und Ritter geworden und wurde, als seine Zeit hienieden abgelaufen war, zu seinen Vätern versammelt. Jenes Grundbesitztum in Yorkshire – es hieß Groby Park – hatte er erst in seinen späteren Lebensjahren gekauft, und sein ältester Sohn hatte hier gelebt und so viele der Vorrechte eines englischen Gutsherrn genossen, als er imstande gewesen war, für sich geltend zu machen. Sir Joseph hatte auch drei Töchter, leibliche Schwestern ihres Bruders Joseph von Groby Park, die ihr Vater eine nach der anderen hinreichend ausstattete und drei liebenden Ehegatten überantwortete. Kurz vor seinem Tode, ungefähr drei Jahre, ehe dieses Ereignis eintrat, heiratete Sir Joseph noch einmal, und zwar eine Dame, die fünfundvierzig Jahre jünger war als er, und er hinterließ von dieser ebenfalls einen Sohn, der, als der Vater starb, erst zwei Jahre alt war.
Seit vielen Jahren hatte der reiche alte Gentleman auf einem kleinen Landsitz ungefähr fünfundzwanzig Meilen von London gelebt. Dieser Landsitz hieß Orley Farm. Es war dies sein erster Grundstücksankauf gewesen, und er hatte auch nie aufgehört, hier zu wohnen, obschon sein Reichtum ihn berechtigt hätte, ein weit größeres Hauswesen zu führen. Bei der Geburt seines jüngsten Sohnes, zu welcher Zeit sein ältester beinahe vierzig Jahre alt war, traf er gewisse mäßige Vorsorge für das Kind, wie er schon mäßige Vorsorge für seine junge Gattin getragen hatte. Der älteste Sohn setzte aber unbedingt voraus, daß Orley Farm ebenso wie Groby Park ihm, dem Haupterben, zufallen werde. Als Sir Joseph jedoch starb, ergab sich, daß er durch ein unter Beachtung der gesetzlich vorgeschriebenen Formalitäten ausgefertigtes Kodizill1 zu seinem Testament Orley Farm seinem jüngsten Sohn, dem kleinen Lucius Mason, vermacht hatte.
Nun begannen jene gerichtlichen Prozeduren, die sich endlich zu dem großen Orley-Farm-Prozeß entwickelten. Der älteste Sohn b