: Nathaniel Hawthorne
: Der Garten des Bösen
: Red Ediciones
: 9783957182098
: 1
: CHF 1.30
:
: Erzählende Literatur
: German
: 224
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Nathaniel Hawthorne, durch seine Romane 'Der Scharlachbuchstabe' und 'Das Haus der sieben Giebel' zu Weltruhm gelangt, verfasste zahlreiche Kurzgeschichten, in denen der Schriftsteller mit geübtem Blick Wünsche, Sehnsüchte, Irrungen und Verfehlungen der Menschen betrachtet und auf allegorische, oft humorvolle, zuweilen schauerliche Art in die hintersten Winkel der menschlichen Seele späht. Enthält die Kurzgeschichten: Der Garten des Bösen Wakefield Mr. Higginbothams Katastrophe David Swan Die Höhle der drei Hügel Der große Karfunkel Die Totenglocken Peter Goldthwaites Schatz Drownes hölzernes Bildnis Frau Ochsenfrosch Endicott und das rote Kreuz Der graue Streiter Edward Randolphs Portrait Lady Eleanors Schleier Der Maskenball Die alte Esther Dudley Die Shaker-Hochzeit John Inglefields Dankfest Die prophetischen Bilder Der Teufel des Schreibens Roger Malvins Bestattung Die alte Jungfer in Weiß Das Auskunftsbüro

Wakefield


Aus irgendeinem alten Journal erinnere ich mich einer Erzählung, als wahr erzählt von einem Mann namens Wakefield, der sich für eine lange Zeit von seiner Frau entfernte. Das ist, so kurz mitgeteilt, nichts Ungewöhnliches und wäre ohne den Bericht der begleitenden Umstände auch weder als schlecht, noch als unsinnig zu verurteilen. Doch was diesen Wakefield betrifft, ist es sicher nicht das schlimmste, aber das sonderbarste Beispiel ehelicher Vernachlässigung, und zudem das Grillenhafteste unter allen menschlichen Sonderbarkeiten.

Das Ehepaar lebte in London. Der Mann nahm unter dem Vorgeben, eine Reise machen zu wollen, eine Wohnung in der seinem Haus zunächst gelegenen Straße und lebte dort, ungesehen von seiner Frau und seinen Freunden und ohne vernünftigen Grundes Schatten zu solcher Selbstverbannung über zwanzig Jahre. Während dieser Zeit sah er sein Haus täglich, öfter sogar auch Mrs. Wakefield, und nach einer so großen Lücke in seinem ehelichen Glück – als sein Tod bereits als gewiß angenommen wurde, sein Name dem Gedächtnis entschwunden war und seine Frau sich schon lange zuvor in ihren herbstlichen Witwenstand gefunden hatte – da öffnete er eines Tages ganz ruhig die Tür, als wäre er nur einen Tag lang fort gewesen, wurde wieder der freundliche Gatte und blieb es bis zu seinem Ableben.

Das ist alles, was ich aus jenem Journal behalten habe, Umrisse, nichts weiter. Aber der Vorfall ist, wenn auch originell und ohne Beispiel, doch, wie mir scheint, von einer Art, die menschliche Sympathie in Anspruch nimmt. Natürlich weiß jeder für sich, daß keiner von uns solcher Torheit fähig wäre, trauen sie aber doch anderen zu. Meine Erinnerung kehrte oft zu diesem merkwürdigen Mann zurück, der immer wieder meine Verwunderung erregte, und mit dem immer deutlicheren Gefühl, die Geschichte müsse wahr sein – mit einem klaren Bild des Charakters des Mannes. Ergreift unseren Geist ein Gegenstand mit solcher Gewalt, so ist die Zeit, über ihn nachzudenken, wohl angewandt. Mag nun der Leser seine eigenen Gedanken darüber haben oder es vorziehen, mit mir durch die zwanzig Jahre dieses Mannes Wakefield zu wandern – im letzteren Fall wird er am Schluß auch eine Moral finden. Jedes Nachdenken hat seine Wirkung und jedes auffallende Geschehnis hat seine Moral.

Was war das für ein Mann, dieser Wakefield? Wir gewinnen sein Bild, indem wir nichts tun, als der ihn beherrschenden Idee folgen. Er stand nun im Mittag seines Lebens. Seine eheliche Liebe, nie leidenschaftlich gewesen, hatte sich in zur Gewohnheit gewordenes, ruhiges Gefühl abgekühlt, und von allen Ehemännern würde er dank einer gewissen Trägheit, die sein Herz in beständiger Ruhe hielt, für den treuesten, beständigsten gehalten worden sein. Er besaß natürlichen Verstand, ohne diesen tätig anzuwenden, denn sein Denken hing nur langen und trägen Betrachtungen nach, die ohne Ziel waren oder nicht die Kraft hatten, es zu erreichen. Was er dachte, war selten so energisch und bestimmt, daß es sich in Worte faßte. Phantasie in der engsten Bedeutung des Wortes war nicht Teil der Gaben Wakefields. Mit einem kalten, aber weder verderbten, noch flatterhaften Herzen, und mit einem Geist, der nie am Fieber aufrührerischer Gedanken litt oder sich von einem Streben nach Originalität verleiten lie