: Anne Brontë
: Wildfell Hall
: Red Ediciones
: 9788490076965
: 1
: CHF 3.50
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: Erzählende Literatur
: German
: 869
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In ihrem zweiten Roman schildert Anne Brontë auf für damalige Verhältnisse schockierende Art die gesellschaftliche Position der Frau im puritanisch geprägten viktorianischen England. Die erste Auflage des 1848 erschienenen Buchs war rasend schnell ausverkauft, die Geschichte einer jungen Frau, die nicht nur ihr Leben in die eigenen Hände nimmt und damit alle gesellschaftlichen Konventionen und darüber hinaus auch geltende Gesetze bricht, wurde zum überragenden Erfolg. Heute gilt 'The Tenant of Wildfell Hall' als einer der ersten nachhaltig feministischen Romane, ein Umstand, der umso verständlicher wird, wenn man berücksichtigt, daß es bis zur Verabschiedung des 'Married Women's Property Act' im Jahre 1870 verheirateten Frauen gesetzlich verboten war, Eigentum zu besitzen, die Scheidung einzureichen oder das Sorgerecht für ihre Kinder zu erhalten. Bis zu dieser Gesetzesänderung machte sich eine Frau, die ihr Kind dem Vater entzog, der Entführung schuldig; verdiente sie selbst ihren Lebensunterhalt, galt dies als Diebstahl, da ihr Verdienst von Rechts wegen dem Gatten gehörte. Handlung: In einem Gespräch mit ihrer Tante gesteht die achtzehnjährige Helen, dass sie zwar häufig ans Heiraten denkt, an ihren zukünftigen Gatten aber hohe moralische Ansprüche stellt, da sie keinen Mann heiraten könne, den sie nicht achtet. Als jedoch der attraktive, sympathische, wenn auch leichtlebige Arthur Huntingdon in ihr Leben tritt, schlägt Helen alle Warnungen ihrer Tante in den Wind, denn sie ist überzeugt: selbst wenn alle Gerüchte über Ausschweifungen und Laster, die über ihren Angebeteten in Umlauf sind, wahr sein sollten, besitzt sie doch genügend Tugend, um die Charakterschwächen ihres Mannes nicht nur aufzuwiegen, sondern ihn durch ihre liebevolle Hingabe und aufopferungsvolle Beharrlichkeit gar zu einem besseren Menschen zu machen. Doch die junge Frau unterliegt einem folgenschweren Irrtum - zwar gelingt es ihr zunächst, sich mit den Schwächen ihres Mannes zu arrangieren und gegen seine Trunksucht und Lasterhaftigkeit anzukämpfen, doch als sie einem Sohn das Leben schenkt und der Vater diesen in den Sumpf aus Ausschweifungen und Sündhaftigkeit zu ziehen droht, erkennt Helen, dass es so nicht weitergehen kann. Überarbeitete Fassung auf Basis der Übersetzung von Wilhelm Eduard Drugulin mit zusätzlichen Anmerkungen.

II. Eine Zusammenkunft


Ich nehme mit Freuden wahr, mein hochgeschätzter Freund, daß sich die Wolke Ihres Unwillens verzogen hat; Sie lassen die Sonne Ihres Antlitzes wieder leuchten und verlangen die Fortsetzung meiner Geschichte, und sollen dieselbe also ohne weitere Umschweife erhalten.

Ich glaube, daß der von mir zuletzt erwähnte Tag der letzte Oktobersonntag des Jahres 1827 gewesen ist. Am folgenden Dienstag war ich mit meinem Hund und meiner Flinte ausgegangen, um solches Wild aufzusuchen, als sich auf dem Gebiet von Linden-Car finden ließ; da ich aber gar keines erblickte, wandte ich meine Waffe gegen die Falken und Aaskrähen, deren Räubereien mich, wie ich argwöhnte, besserer Beute beraubt hatten. Zu diesem Zweck verließ ich die häufiger besuchten Gegenden, die Waldteile, Kornfelder und Wiesen, und erstieg die steile Anhöhe von Wildfell, die wildeste und höchste Gegend unserer Nachbarschaft, wo, wenn man höher hinauf kommt, die Hecken wie die Bäume dünn und verkrüppelt werden und die ersteren endlich rauen Steinmauern, die zum Teil mit Efeu und Moos überzogen sind, die letzteren Lerchen und Kiefern oder einsamem Schwarzdorn weichen. Die unebenen und steinigen und für den Pflug gänzlich ungeeigneten Felder waren meist zu Schaf- und Rinderweiden bestimmt, der Boden leicht und mager, – hier und da blickten graue Felsstücke unter den bemoosten Anschwellungen hervor, unter den Mauern wuchsen Preiselsbeeren und Heidekraut – Überbleibsel eines noch wilderen Zustandes des Bodens, – und in vielen Einfriedungen hatten Sandbinsen und Quecken die Oberherrschaft über den spärlichen Graswuchs usurpiert – aber es war nicht mein Eigentum.

Fast auf der Spitze des Hügels und etwa eine Stunde von Linden-Car entfernt stand Wildfell Hall, ein aus dunklen, grauen Steinen errichtetes altmodisches Gebäude aus der elisabethanischen Zeit – ehrwürdig und malerisch anzusehen, ohne Zweifel aber kalt und düster genug zu bewohnen mit seinen dicken steinernen Fensterstöcken und kleinen runden Fensterscheiben, seinen vom Zahn der Zeit benagten Luftlöchern und seiner zu einsamen und zu ungeschützten Lage – vor dem Kampf des Windes und Wetters nur durch eine Kieferngruppe beschirmt, die selbst von den Stürmen halb abgestorben war und ebenso düster und finster aussah wie das Gutshaus selbst. Hinter dem Hause lagen einige nackte Felder und dann der braune, mit Heidekraut bekleidete Gipfel des Hügels. Vor ihm (von steinernen Mauern umgeben und durch ein eisernes Gittertor, dessen Seitenmauern mit großen, grauen Granitkugeln versehen waren, wie sie das Dach und die Giebel zierten, zugänglich) befand sich ein Garten, – einst mit kräftigen Pflanzen und Blumen besetzt, die dem Boden und Klima am besten entsprachen, und Bäumen, die die folternden Scheren des Gärtners am besten aushalten und am leichtesten die Formen, die er ihnen zu geben beliebte, annehmen konnten – der aber, nachdem er so viele Jahre unbestellt und unbeschnitten dem Unkraut und Gras, Frost und Wind, Regen und Dürre überlassen geblieben war, ein wahrhaft eigentümliches Aussehen besaß. Die dichten grünen Ligusterwände, die den Hauptweg begrenzt hatten, waren zu zwei Dritteln verdorrt, und das Übrige über alle vernünftigen Grenzen hinausgewuchert. Der alte Buchsbaumschwan, der neben dem Abstreifer saß, hatte den Hals und die Hälfte seines Körpers verloren, die Lorbeertürme in der Mitte des Gartens, der gigantische Krieger, der auf der einen Seite des Eingangs stand, und der die andere bewachende Löwe waren in so phantastische Gestalten ausgesproßt, daß sie nichts im Himmel und auf Erden, noch in den Gewässern und unter der Erde glichen, boten aber meiner jungen Phantasie alle ein koboldartiges Aussehen, das vortrefflich mit den gespenstischen Legionen und dunklen Sagen harmonierte, die uns unsere alte Amme über das Spukhaus und seine dahingeschiedenen Bewohner erzählt hatte.

Es war mir gelungen, einen Falken und zwei Krähen zu erlegen, als ich das Gebäude erblickte; ich gab meinen weiteren Beutezug auf und schlenderte darauf zu, um das alte Haus zu betrachten und zu sehen, welche Veränderungen die neue Bewohnerin darin hervorgebracht habe. Ich wollte nicht gerade nach der Vorderseite gehen und zur Tür herein starren, sondern verweilte an der Gartenmauer und betrachtete es mir, sah aber keine Veränderung – mit Ausnahme des einen Flügels, an dem die zerbrochenen Fenster und das verfallene Dach offenbar ausgebessert worden waren und eine dünne Rauchsäule aus dem Kamin in die Höhe kräuselte.

Während ich so a