: Anna Katharine Green
: Schein und Schuld
: Red Ediciones
: 9783957182074
: 1
: CHF 1.80
:
: Historische Kriminalromane
: German
: 255
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der Rechtsanwalt Everett Raymond ist schockiert, als der Privatsekretär Horatio Leavenworths, ein langjähriger Klient seiner Kanzlei, eines Tages bei ihm erscheint, um ihm mitzuteilen, dass Mr. Leavenworth ermordet worden ist. Zwar wurde die Tatwaffe nicht gefunden, doch alle Umstände deuten darauf hin, dass der Täter unter den Bewohnern des Hauses zu finden sein muss, zu denen neben Leavenworths beiden Nichten auch der Sekretär Harwell selbst gehört. Doch die von Detective Gryce geführten Ermittlungen gestalten sich alles andere als einfach, denn zwischen den beiden Nichten des Ermordeten schein ein Konflikt zu schwelen, den beide sorgsam zu verhehlen suchen, und bei genauerem Hinsehen ergibt sich, dass sich beiden jungen Damen ein Motiv für das Verbrechen nachweisen lässt ... Die US-Amerikanerin Anna Katharine Green, die in ihrer Heimat als die 'Mutter des Krimis' bezeichnet wurde, verfasste über 25 Detektivgeschichten sowie zahlreiche weitere Romane und Kurzgeschichten, mit denen sie Autoren wie Wilkie Collins beeindruckte und viele Kriminalschriftsteller, von Agatha Christie bis hin zu Arthur Conan Doyle, beeinflusste. Die Werke Greens zeichnen sich dabei nicht nur durch ihre einfallsreiche, innovative Handlung aus. Die Sorgfalt und Genauigkeit, die Green den juristischen und kriminalistischen Aspekten widmete, veranlaßten sogar die Yale Law School, anhand ihrer Romane zu veranschaulichen, zu welchen Fehlurteilen es führen kann, sich auf Indizienbeweise zu verlassen.

1. »Ein bedeutender Fall.«


»Ist eine Tat geschehn furchtbarer Art.« –Macbeth.1

Seit etwa einem Jahr war ich Junior-Teilhaber in der Anwaltsfirma Veeley, Carr und Raymond, als eines Morgens in Abwesenheit der Herren Veeley und Carr ein junger Mann in unser Büro trat, dessen ganzes Äußeres eine solche Hast und Aufregung verriet, daß ich mich unwillkürlich erhob und ihm einige Schritte entgegenging.

»Was ist denn?« fragte ich. »Ich hoffe, Sie bringen keine schlechten Nachrichten.«

»Ich möchte zu Mr. Veeley; kann ich ihn sprechen?«

»Nein,« antwortete ich, »er ist heute Vormittag unerwartet nach Washington gerufen worden und kann vor morgen nicht zurück sein. Aber wenn Sie mir Ihr Anliegen mitteilen wollen –«

»Ihnen, Sir?« entgegnete er und maß mich mit kaltem, festem Blick; dann fuhr er, wie von seiner Musterung befriedigt, fort: »Ich sehe keinen Grund, warum ich es nicht tun sollte; der Zweck meines Hierseins ist kein Geheimnis. Ich komme, um Sie zu benachrichtigen, daß Mr. Leavenworth tot ist.«

»Mr. Leavenworth!« rief ich aus und trat einen Schritt zurück. Mr. Leavenworth war ein alter Klient unserer Firma und außerdem ein vertrauter Freund Mr. Veeleys.

»Ja, und zwar ermordet; von einer unbekannten Person in den Kopf geschossen, während er in seinem Bibliothekszimmer am Schreibtisch saß.«

»Ermordet! – Erschossen!« wiederholte ich und vermochte das Ungeheure kaum zu fassen. Der joviale, herzensgute alte Herr, der noch vor acht Tagen hier im Büro gewesen war, mich gehänselt hatte, daß ich noch Junggeselle sei und hinzugefügt hatte, er könne mir etwas Schönes zeigen, ich solle ihn doch zu Hause besuchen – er ermordet! Halb ungläubig starrte ich den Mann vor mir an. »Wie – wann?« brachte ich endlich hervor.

»Letzte Nacht. Das nehmen wir wenigstens an; die Leiche wurde erst heute morgen gefunden. Ich bin Mr. Leavenworths Privatsekretär und lebe mit der Familie zusammen. Es war ein furchtbarer Schock,« fügte er hinzu, »besonders für die Damen.«

»Furchtbar, in der Tat! Mr. Veeley wird davon vollständig überwältigt werden.«

»Sie sind ganz allein,« fuhr er in leisem, geschäftsmäßigem Ton fort, der, wie ich später fand, eine Eigentümlichkeit des Mannes war, ohne die man sich ihn gar nicht denken konnte; »die Miss Leavenworths meine ich – Mr. Leavenworths Nichten, und da heute eine amtliche Untersuchung abgehalten werden wird, ist es sehr wünschenswert, daß die beiden nicht ohne Rechtsbeistand sind. Da Mr. Veeley der beste Freund ihres Onkels war, schickten sie mich selbstverständlich, ihn zu holen. Wenn er aber gerade verreist ist, weiß ich wirklich nicht, was ich tun oder an wen ich mich wenden soll.«

»Nun,« erwiderte ich, »ich bin den Damen zwar fremd, aber wenn ich ihnen von irgendwelchem Nutzen sein kann, gebietet mir die Achtung vor ihrem Onkel –«

Der Ausdruck im Blick des Sekretärs ließ mich verstummen. Seine Augen wichen nicht von meinem Antlitz, aber seine Pupillen hatten sich plötzlich erweitert, so daß es mir vorkam, als umfasse er meine Gestalt vollständig.

»Ich weiß nicht,« bemerkte er schließlich, und ein leichtes Stirnrunzeln bewies, daß er nicht so ganz zufrieden mit der Wendung war, die die Angelegenheit nahm. »Aber vielleicht ist es das beste. Die Damen dürfen sich nicht selbst überlassen bleiben –«

»Sagen Sie nichts weiter,« unterbrach ich ihn, »ich komme.« Ich setzte mich nieder, schrieb sofort eine Nachricht an Mr. Veeley, traf rasch noch einige Vor