Kapitel I.
Des Schneiders Lehrling bei der Arbeit.
Es gibt eine Assisen-Stadt in einer der östlichen Grafschaften, die einst von den Königen des Hauses Tudor sehr ausgezeichnet wurde und infolge dieser Begünstigung und Protektion einen Grad der Bedeutung erreicht hat, die den modernen Reisenden überrascht.
Vor hundert Jahren trug sie in ihrem Äußeren den Charakter malerischer Größe. Die alten Häuser, die den zeitweiligen Aufenthalt solcher Grafschaftsfamilien bildeten, die sich mit den Freuden einer Provinzstadt begnügten, bevölkerten die Straßen und gaben diesen ein unregelmäßiges, aber edles Aussehen, wie man es noch jetzt an den Städten Belgiens wahrnimmt. Die Straßenseiten erschienen in reichem Schmuck durch die Wirkung der Giebel und der Schornsteinreihen, die gegen das blaue Himmelsgewölbe abstachen, während, wenn das Auge tiefer sank, die Aufmerksamkeit durch Vorsprünge in Form von Balkonen und Erkern in jeglicher Art gefesselt wurde, und es war unterhaltend, die unendliche Mannigfaltigkeit von Fenstern zu sehen, die lange vor den Tagen Pitts1 und seinen Luxussteuern in die Mauern hineingezwängt waren. Die Straßen unten litten unter all den Vorsprüngen und herausgerückten Stockwerken oben; sie waren finster, mit großen, runden, hervorstehenden Steinen schlecht gepflastert und entbehrten der von Bordsteinen geschützten Gehwege; es gab dort keine Laternenpfosten für lange Winternächte, und keine Rücksicht wurde auf die Bedürfnisse der Mittelklasse genommen, die weder in eigenen Kutschen herumfuhr, noch sich durch eigene Diener in ihren Sänften bis in die Hallen ihrer Freunde tragen ließ. Die Handwerker mit ihren Frauen, die Krämer mit ihren Gemahlinnen und all solches Volk waren Tag und Nacht auf ihren Gängen in beträchtlicher Gefahr. Durch die breiten, schwerfälligen Fuhrwerke wurden sie in den engen Straßen gegen die Häuser gedrängt. Aber die unwirtlichen Häuser schoben ihre Treppenflucht fast bis in den Fahrweg vor und zwangen die Fußgänger, sich von neuem der Gefahr auszusetzen, der sie auf zwanzig, dreißig Schritte entgangen waren. Bei Nacht kam das einzige Licht von den blendenden, flackernden Öllampen, die über den Türen der aristokratischeren Wohnungen hingen und den Vorübergehenden gerade Zeit ließen, sichtbar zu werden, ehe sie wieder in der Finsternis verschwanden, wo es nichts Ungewöhnliches war, daß Räuber auf ihre Beute lauerten.
Die Überlieferungen jener vergangenen Zeiten, selbst bis zu den unbedeutendsten gesellschaftlichen Einzelheiten, machen es möglich, die Umstände, die zur Bildung des Charakters beitrugen, deutlicher zu verstehen. Das tägliche Leben, zu dem man geboren und von dem man verschlungen wird, ehe es nur recht wahrzunehmen ist, bildet Ketten, die nur einer unter hundert moralische Kraft genug hat zu verachten und, kommt die rechte Zeit, zu brechen – wenn eine innere Notwendigkeit für unabhängiges individuelles Handeln sich erhebt, die über alle äußere Herkömmlichkeit den Sieg davonträgt. Deshalb ist es gut, die Ketten täglicher häuslicher Gewohnheiten zu kennen, die zum natürlichen Gängelband für unsere Vorväter dienten, ehe sie allein gehen lernten.
Das Malerische dieser alten Straßen ist jetzt verschwunden. Die Astleys, die Dunstans, die Waverhams – mächtige Namen in jener Gegend – gehen pflichtgemäß zur Saison nach London und haben ihre Behausungen in der Grafschaftsstadt vor fünfzig Jahren oder mehr verkauft. Und wenn die Grafschaftsstadt für die Astleys, Dunstans, Waverhams ihre Anziehungskraft verloren hat, wie dürfte man annehmen, daß die Domvilles, die Bextons und die Wildes fernerhin noch in ihren Häusern zweiten Ranges und mit ihren gesteigerten Ausgaben überwintern würden? So standen die großen alten Häuser eine Zeitlang leer, dann wagten Spekulanten, sie an sich zu bringen, machten aus den großen Behausungen eine Reihe kleinerer