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Sina
»Ich hab kein Geld!«
Sie haben einander seit Jahrzehnten nicht gesehen, und das Erste, was Sina mit Kat teilt, ist ihre traurige Finanzlage – ach herrjemine! Sie beißt sich fest auf die Lippe, kämpft gegen das Zittern in den Mundwinkeln. Öffnet die Arme für die große, lächelnde Frau mit der Sonnenbrille in den kurzgeschorenen Haaren.
»Ich … ach, Kat! Es ist so schön, dich zu sehen! Und was siehst du gut aus!«
Das Ukulele-Trio, das die in Shorts gekleideten Reisenden in der Ankunftshalle des Flughafens von Nadi empfängt, legt eine schmachtende Willkommensmelodie hin. Einer der Sänger, mit bunt gemustertem Hemd und einer Blume hinter dem Ohr, zwinkert Sina zu, und die rückt sofort dichter an Kat heran.
»Bula!«
Sinas Befremden erstickt in Kats Willkommensumarmung. »Bula vinaka! Jetzt bist du hier, das ist das Wichtigste. Eins nach dem anderen, das findet sich schon alles. Lass dich ansehen!«
Kat schiebt Sina ein Stück von sich, schenkt ihr ein breites, strahlendes Lächeln, es ist genau wie früher. Zieht sie an sich und drückt sie noch einmal. »Dass du wirklich hier bist, ich kann es noch gar nicht glauben.«
»Ich auch nicht!«
Ihre Stimme ist halb erstickt. Nach der fast drei Tage langen Reise zittert Sina vor Müdigkeit. Sie zuckt zusammen, als das Ukulele-Trio abermals loslegt und ihr auf breiten Hüften ein oranges Blumenmuster entgegenwogt.»Bula, Madam, welcome to Fiji!« Ein Blumenkranz fällt auf ihre Schultern, hundert weiße Zähne leuchten in einem Lächeln auf. Sina hält sich krampfhaft an ihrem Rollkoffer fest und stolpert hinter Kat her, die bereits auf dem Weg hinaus in den dunklen, feuchten Oktoberabend ist. Zwei Stunden dauert die Fahrt nach Korototoka.
Die Dunkelheit ist dichter als zu Hause. Bald bleiben die Lichter des Flughafens hinter ihnen zurück, Sina kommt es vor wie in einem Tunnel ohne Wände, eng und zugleich schwindelerregend weit. »Sieh dir die Sterne an«, fordert Kat sie auf, und Sina schaut aus dem offenen Fenster. Der Nachthimmel ist eine Explosion aus leuchtenden Punkten, ein erstarrtes Feuerwerk. Ihr Kopf kippt in den Nacken, sie muss ihren Blick zurück ins Auto holen. Kat sieht sie an und lächelt: »Phantastisch, was?« Plötzlich tritt sie auf die Bremse. Sina wird nach vorn geschleudert und vom Sicherheitsgurt zurückgerissen, sie kann gerade noch ein mageres Pferd sehen, das an den Straßenrand springt. Kat schüttelt den Kopf und fährt weiter, jetzt etwas langsamer. »Es ist lebensgefährlich abends hier in den Dörfern. Die Tiere laufen frei herum, du weißt nie, ob nicht plötzlich eine Kuh mitten auf der Straße steht.«
Das Meer auf der einen Seite, Bäume auf der anderen, Sanddünen, ab und zu Felder mit Pflanzen, die sie nicht kennt. »Zuckerrohr«, sagt Kat und nickt. »Zucker und Mais sind hier die wichtigsten Nutzpflanzen.«
Ab und zu wird die Dunkelheit von Häusergruppen unterbrochen, hier und dort flackert eine Glühbirne. Sina erahnt die Umrisse der Häuser, sieht, dass einige von denen am Straßenrand nur Schuppen aus Wellblech sind. Werden sie