Kapitel 2 - Der neue Gott
Januar 746 AD, Kloster Fritzlar
Garlef von Niederwald sah großartig aus, wie er auf seinem Pferd thronte, das Kettenhemd ein selbstverständlicher Teil seines Körpers, der Helm glänzte in der Sonne. Angeblich hatte er ihn von seinem Vater geerbt, der das nach oben kegelig zulaufende Teil einst einem König der Hunnen abgenommen hatte. Ein Pferdeschwanz krönte die Spitze und wehte im Wind hinter ihm her. Arnulf ächzte unter dem Gewicht seines Hemdes, noch viel mehr als unter der Eisenhaube, die auf seine Stirn drückte. Leichte Panzerung gehörte zu seiner Aufgabe als Bedeckung des fahrenden Beichtvaters Willegis; er war die Belastung bei Übungskämpfen gewohnt, doch die geliehene Rüstung übertraf alles bisher Getragene bei Weitem. Ein Gefolgsmann Garlefs war in Fulda krank zurückgeblieben – eine Schramme an der Wade hatte sich entzündet und fesselte ihn ans Bett, wollte er nicht eine brandige Wunde riskieren und sein Bein verlieren. Dessen Ausrüstung hatte Garlef für Arnulf bestimmt, obwohl die Sachen mehr schlecht als recht passten. Der Kranke war weit größer, dabei in den Schultern nicht so breit gebaut, weshalb das Kettenhemd in den Achseln zwickte und über die Finger fiel. Einen Stoffärmel hätte Arnulf herumkrempeln können, jedoch das starre Metallgewebe widerstand seinen Versuchen. Jedes Mal, wenn er nach etwas griff, fegte er etwas anderes mit dem überflüssigen Gewebe herunter.
Erst beim zweiten Anlauf schaffte Arnulf es auf das Pferd, was die Gefährten mit reichlich Spott bedachten. Seinen Braunen hatte er bei seiner Herreise mit Willegis in Bremen zurücklassen müssen, da er das Tier mit dem flachen Kahn nicht den Fluss hoch transportieren konnte. Die Fahrt über Wasser ging allemal schneller als die gewundenen Wege über Land. Der Grauschimmel, den Garlef ihm zugewiesen hatte, war größer, zudem scheute er vor dem unbekannten Reiter. Wütend erwiderte Arnulf die spöttischen Blicke der anderen Reiter. Sie sahen ihn aufgrund seiner Jugend als Frischling und glaubten ihm nicht, dass er schon zahllose Scharmützel mit Heiden überstanden hatte, sogar als Willegis’ bester Kämpfer galt.
»Als Begleiter eines Gesandten lernst du die Sachsen kennen«, spotteten sie, »nicht als Kindermädchen eines Beichtvaters für Christen!«
Als ob die Sachsen weniger wild wären, wenn ein Missionar seinen Segen über sie gesprochen hatte! Glaubten sie etwa, dass Arnulf hinter den Mauern dieses Klosters lebte, von dem sie aufgebrochen waren? Überall entlang der Grenze zwischen dem Frankenland und den Gebieten der Sachsen gab es abgelegene Gehöfte, deren Bewohner eines Beichtvaters bedurften. Unter ihnen gab es genauso viele Friesen wie Sachsen, und Willegis besuchte sie alle, egal wie waghalsig die Reise wurde. Arnulf sorgte mit fünf weiteren Bewaffneten für sein Wohlergehen, eine Maßnahme, die der Bischof aus gutem Grund veranlasst hatte. Die kleine Kirche in Bremen, von der aus Willegis seine Reisen plante, galt nicht als sicher, obwohl der Frankenkönig einen Stützpunkt unterhielt, am Ende der Welt, von wo aus nur noch Knüppeldämme oder Kähne durch das Moor führten. Das kleine Örtchen umgab von drei Seiten der Sumpf, was aber die Heiden nicht von Überfällen abhielt – wenn es denn immer nur Heiden wären.
In Hammaburg gar lohnte es kaum, die Ruinen wegzuräumen, denn die Raubzüge der Normannen vernichteten jedes neue Haus, bevor auch nur das Dach gedeckt war. Die Pläne für eine Taufkapelle zur Missionierung der Stämme lagen auf der langen Bank. Wie gefährlich war da erst der Weg eines Priesters durch diese versunkene Landschaft, in der nur gelegentlich Gehöfte wie Inseln der Zivilisation aus dem Moor ragten? Der kärgliche Ertrag der salzigen Felder und Gärten zwang auch die weniger kriegerischen Stämme der Sachsen, mit ständigen Überfällen auf die christlichen Stellungen ihr Einkommen aufzubessern. Das Dorf um das Bethaus des Bonifatius erschien ihm dagegen als ein