Ein Fräulein von Welt
Die eigentliche Siegesfeier steigt zuhause. Die erste Ärztin Italiens sucht die Nähe ihrer Familie, die ihr viel bedeutet. Vor allem von ihrer Mutter hat sie Wärme und Geborgenheit erfahren. Maria Montessori ist ein Familienmensch. Sie spürt, dass sie allmählich selbst in die Lebensphase kommt, in der andere Frauen eine Familie gründen, Kinder bekommen und sie frei von Arbeitszwängen aufziehen. Doch mehr als ihren männlichen Kollegen macht Maria Montessori die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu schaffen. Denn sie ist auch ein ehrgeiziger Karrieremensch. Und jetzt, da sie endlich gegen alle Widerstände ihr Medizinstudium abgeschlossen hat, liegt vor ihr die Herausforderung, sich im Berufsleben zu beweisen: Sie muss zeigen, dass sie nicht nur in der Theorie mithalten kann, sondern auch in der Praxis.
Das ist der Fluch der mutigen Tat. Wer einmal etwas Außergewöhnliches erreicht, von dem werden immer neue Glanzleistungen erwartet: Als Studentin hat sie der Männerwelt getrotzt. Nun setzt eine ganze Generation von Frauen ihre Hoffnungen in die junge Ärztin. Die aufstrebenden Frauen suchen nach Vorbildern, die für sie sprechen können. Maria Montessori ist so ein Vorbild und sie ahnt auch, warum: »Meine Berühmtheit kommt so zustande: Ich wirke zart und ziemlich schüchtern, und man weiß, dass ich Leichen ansehe und berühre, dass ich ihren Geruch gleichgültig ertrage, dass ich nackte Körper ansehe (ich – ein Mädchen unter so vielen Männern!), ohne ohnmächtig zu werden.« Dass sie eine exzellente Medizinerin ist, die überdurchschnittlich gut abgeschnitten hat, scheint kaum eine Rolle zu spielen. »Ich bin nicht berühmt wegen meines Könnens oder meiner Klugheit, sondern wegen meines Mutes und meiner Kaltblütigkeit.«[28]
Das sind genau die Fähigkeiten, die in der Frauenbewegung gesucht werden, um den Männern Paroli zu bieten. Maria Montessori wird ausersehen, die Italienerinnen auf einer großen und wichtigen Tagung zu vertreten: dem Internationalen Frauenkongress in Berlin. Die neue Vorzeigefrau sagt nicht nein – und bekommt prompt Besuch. Eine Journalistin, die bislang nur den Namen der jungen Delegierten kennt, aber sonst noch nichts von Maria Montessori gehört hat, möchte gerne eine Homestory machen. Wieder hat Maria Montessori nichts dagegen.
Die Journalistin ist dankbar. Noch freudiger wird die Überraschung, als sie Maria Montessori persönlich kennenlernt. Bislang hat sie die führenden Frauen immer als verhärmte Kämpferinnen gegen die verhasste Männerwelt erlebt, als selbstgerechte Anklägerinnen der Ungerechtigkeiten, die den Frauen widerfahren.
Regelrecht entzückt ist die Reporterin, als ihr eine freundlich lächelnde Maria Montessori die Tür öffnet. Da erwartet sie ja keine grimmig dreinblickende und geharnischte Walküre, kein Mannsweib, das ständig auf Krawall gebürstet ist. Im Gegenteil. Da steht ihr eine fröhliche, herzliche und aufgeweckte Frau im besten Alter gegenüber. Maria macht gerne Mädchensachen und sieht überhaupt nicht ein, warum sie das verstecken sollte. Sie näht und stickt halt gerne. Maria entschuldigt sich, zieht sich kurz zurück und kommt dann mit wundervollen Kostproben ihrer kleinen Kunstwerke wieder. Soll sie denn ein schlechtes Gewissen haben, weil sie gerne handarbeitet? Und sollte sie eine schlechtere Frauenvertreterin sein, weil sie selbst gerne die Fliesen schrubbt und putzt und kocht und abwäscht? Das macht sie alles genauso gerne wie ihre Arbeit als Ärztin und Forscherin. Man muss doch die Hausarbeit nicht verteufeln, wenn man eine Berühmtheit geworden ist. Man muss ihr auch nicht absch